Als wir 2012 zusammenkamen, lebte Martin in München und Robert in New York. Nach unserer ersten gemeinsamen Zeit in Deutschland musste Robert zurück in die USA, und damit begann eine Beziehung, bei der mehr als 6.000 Kilometer und sechs Stunden Zeitverschiebung zu unserem normalen Alltag gehörten.
Wir haben diese Situation nicht gewählt, weil wir Fernbeziehungen besonders romantisch fanden. Wir wollten zusammen sein und lebten nun einmal auf zwei verschiedenen Kontinenten. Für die nächsten drei Jahre mussten wir deshalb herausfinden, ob aus einer Beziehung, die bei persönlichen Treffen entstanden war, auch über diese Entfernung ein gemeinsames Leben wachsen konnte.
Heute leben wir seit vielen Jahren zusammen in Deutschland, sind verheiratet und inzwischen Väter. Die Fernbeziehung liegt weit hinter uns. Trotzdem gehört sie zu unserer Geschichte, weil in diesen drei Jahren vieles entstanden ist, worauf unser gemeinsames Leben später aufgebaut hat.
Sechs Stunden Zeitverschiebung verändern einen ganz normalen Tag
Die Entfernung zwischen New York und München war natürlich spürbar, aber die Zeitverschiebung hat unseren Alltag mindestens genauso stark geprägt. Wenn einer von uns in den Tag startete, war der andere schon viele Stunden weiter. Spontan miteinander zu sprechen war dadurch schwieriger, als einfach abends zum Telefon zu greifen.
Wir haben uns deshalb bewusst jeden Tag Zeit füreinander genommen. FaceTime wurde für uns ein fester Bestandteil der Beziehung. Wir konnten damit die Distanz nicht verschwinden lassen, aber wir waren regelmäßig im Leben des anderen präsent und mussten nicht mehrere Tage warten, bis wir wieder voneinander hörten.
Natürlich gab es trotzdem Situationen, in denen ein Bildschirm nicht gereicht hat. Wenn einer von uns den anderen wirklich gebraucht hätte, blieb die physische Entfernung bestehen. Genau darin lag für uns ein wesentlicher Unterschied zu einer Beziehung am selben Ort: Nähe musste viel bewusster hergestellt werden, weil die beiläufigen gemeinsamen Momente fehlten.
Was Forschung zu Kommunikation in Fernbeziehungen zeigt
Unsere täglichen Gespräche sind zunächst einfach unsere Erfahrung. Es gibt aber Forschung, die zeigt, dass nicht nur die Menge digitaler Kommunikation eine Rolle spielt.
Eine Studie mit 647 Erwachsenen verglich Fernbeziehungen mit Beziehungen, in denen die Partner näher beieinander lebten. Menschen in Fernbeziehungen nutzten erwartungsgemäß häufiger Textnachrichten, Telefon- und Videoanrufe. Besonders interessant war, dass häufigeres und als aufmerksam beziehungsweise responsiv empfundenes Schreiben bei den Teilnehmern in Fernbeziehungen mit höherer Beziehungszufriedenheit zusammenhing. Für Videoanrufe ließ sich in dieser Studie dagegen kein entsprechender Zusammenhang allein über die Häufigkeit feststellen.
Das ist kein Rezept dafür, wie oft ein Paar schreiben oder telefonieren sollte. Forschung zu Fernbeziehungen zeigt insgesamt eher, dass Beziehungsarbeit sehr unterschiedlich aussehen kann und dass dieselbe Strategie nicht für jedes Paar gleich wirkt.
Wir wollten uns ungefähr alle drei Monate sehen
Digitale Nähe war für uns wichtig, aber wir wollten unsere Beziehung nicht ausschließlich über einen Bildschirm führen. Deshalb versuchten wir, ungefähr alle drei Monate ein persönliches Wiedersehen einzuplanen.
Das bedeutete Flüge zwischen den USA und Deutschland, Urlaubstage, Geld und viel Organisation. Gleichzeitig gab uns ein geplanter Besuch etwas Konkretes, auf das wir uns freuen konnten. Wir wussten nicht nur, dass wir uns irgendwann wiedersehen würden, sondern konnten im besten Fall auf einen Termin im Kalender schauen.
Die gemeinsame Zeit verbrachten wir sowohl in New York als auch in München. Jeder Besuch war besonders, aber zu jedem Besuch gehörte irgendwann auch wieder ein Abschied. Das war einer der schwierigsten Teile dieser Jahre. Gerade nachdem wir für eine Weile wieder einen normalen gemeinsamen Alltag erlebt hatten, mussten wir zurück in zwei getrennte Leben.
Für uns war wichtig, dass die Fernbeziehung nicht für immer so bleiben sollte
Wir wussten während dieser Jahre nicht von Anfang an jedes Detail unserer späteren Zukunft. Trotzdem war klar, dass wir auf Dauer am selben Ort leben wollten.
Das hat die Entfernung für uns anders gemacht. Wir mussten nicht nur überlegen, wie wir den nächsten Monat oder das nächste Wiedersehen schaffen, sondern auch, wie aus New York und München irgendwann ein gemeinsames Zuhause werden könnte.
2015 endete diese Phase schließlich: Robert zog nach Deutschland.
Damit waren aus drei Jahren Fernbeziehung nicht plötzlich drei Jahre geworden, die wir romantisieren möchten. Sie waren oft anstrengend, teuer und organisatorisch kompliziert. Aber sie hatten ein Ende, auf das wir gemeinsam hingearbeitet hatten.
Kann eine Fernbeziehung funktionieren?
Unsere hat funktioniert. Das bedeutet nicht, dass wir daraus eine allgemeingültige Anleitung für andere Paare ableiten können.
Bei uns haben regelmäßiger Kontakt und planbare Wiedersehen geholfen, und ebenso wichtig war die gemeinsame Vorstellung, irgendwann nicht mehr auf zwei Kontinenten zu leben. Für andere Paare können Bedürfnisse, Entfernung, finanzielle Möglichkeiten und Lebenssituationen ganz anders aussehen.
Deshalb würden wir heute auch vorsichtiger mit Sätzen umgehen wie „Distanz macht eine Beziehung stärker“. Eine Fernbeziehung wird nicht automatisch gut für eine Partnerschaft, nur weil sie schwierig ist. Bei uns hat diese Zeit dazu geführt, dass wir sehr bewusst miteinander kommunizieren und planen mussten. Das war wertvoll, aber wir hätten uns damals trotzdem lieber häufiger gesehen.
Was wir aus unserer eigenen Geschichte mitnehmen, ist deshalb weniger eine Regel für Fernbeziehungen als die Erfahrung, dass Nähe über Entfernung möglich sein kann, wenn beide die Beziehung tatsächlich in ihrem Alltag unterbringen und eine gemeinsame Perspektive sehen.
Nach drei Jahren musste aus Besuchen gemeinsamer Alltag werden
Mit Roberts Umzug nach Deutschland begann 2015 ein völlig anderes Kapitel unserer Beziehung. Von da an musste nicht mehr jeder gemeinsame Zeitraum mit einem Rückflug enden.
Heute wirkt diese Zeit aus großer Entfernung fast erstaunlich. Wir sind seit 2012 zusammen, haben 2020 geheiratet und sind seit Januar 2026 Eltern. Was damals aus zwei getrennten Leben in New York und München bestand, ist längst ein gemeinsamer Familienalltag in Deutschland geworden.
Gerade deshalb ist unsere deutsch-amerikanische Geschichte für uns heute nicht die Geschichte einer Familie, die permanent zwischen zwei Ländern lebt. Robert ist in den USA aufgewachsen und Martin in Deutschland, aber unser gemeinsames Zuhause ist hier.
Wie sehr sich Roberts Verhältnis zu Deutschland nach seinem Umzug verändert hat und wann sich Deutschland für ihn nicht mehr wie ein fremdes Land angefühlt hat, erzählen wir ausführlicher in unserem Beitrag über sein Leben als Amerikaner in Deutschland und die Frage, wann Deutschland Zuhause wurde.
Unsere Geschichte gibt es auch zum Hören
In der ersten ausgewählten Folge unseres Podcasts beginnen wir ebenfalls ganz am Anfang: bei unserem Kennenlernen, der Fernbeziehung zwischen München und New York und der Frage, wie daraus irgendwann ein gemeinsames Leben und später unser Kinderwunsch wurde.
S1E01: „Unsere Geschichte: Liebe, Fernbeziehung & der Weg zur Regenbogenfamilie“
Dort erzählen wir die Geschichte gemeinsam und sprechen auch darüber, wie aus der Fernbeziehung später unsere Ehe und schließlich unser Wunsch nach einer eigenen Familie entstanden sind.
Was von der Fernbeziehung geblieben ist
Heute müssen wir keine sechs Stunden Zeitverschiebung mehr überbrücken und nicht mehr drei Monate auf das nächste gemeinsame Wochenende warten. Die meisten Probleme in unserer Beziehung sind inzwischen viel gewöhnlicher: Alltag organisieren, Elternschaft aufteilen, Arbeit unterbringen und manchmal feststellen, dass wir dieselbe Situation völlig unterschiedlich sehen.
Die drei Jahre zwischen New York und München erklären aber einen Teil davon, wie unser gemeinsames Leben überhaupt entstanden ist. Robert zog für unsere Beziehung nach Deutschland und baute sich hier nach und nach ein eigenes Zuhause auf. Dadurch sind Deutschland und die USA bis heute Teil unserer Familiengeschichte, auch wenn unser Alltag längst in Deutschland stattfindet.
Wenn wir heute auf 2012 zurückschauen, sehen wir deshalb nicht drei Jahre, die beweisen, dass „wahre Liebe jede Distanz überwindet“. Wir sehen zwei Menschen, die sehr früh entscheiden mussten, ob sie trotz einer ziemlich unpraktischen Ausgangslage wirklich Platz füreinander in ihrem Leben schaffen wollten.
Bei uns hat es geklappt.
Wenn du unsere Geschichte weiterverfolgen möchtest
Wie Robert nach dem Ende unserer Fernbeziehung in Deutschland ankam, Deutsch lernte und irgendwann bemerkte, dass Deutschland tatsächlich Zuhause geworden war:
Amerikaner in Deutschland: Wann Deutschland für mich Zuhause wurde
Wie unterschiedliche deutsche und amerikanische Prägungen heute in unserem gemeinsamen Familienalltag sichtbar werden:
Deutschland vs. USA im Familienalltag: Wo wir kulturelle Unterschiede wirklich merken
Alle Beiträge zu unserem deutsch-amerikanischen Familienleben findest du unter:
Quellen
Holtzman, Kushlev, Wozny & Godard: Long-distance texting: Text messaging is linked with higher relationship satisfaction in long-distance relationships
Studie mit 647 Erwachsenen zu digitaler Kommunikation und Beziehungszufriedenheit in Fern- und Nahbeziehungen.
Merolla: Connecting here and there: A model of long-distance relationship maintenance
Untersuchung verschiedener Formen, mit denen Paare ihre Beziehung vor, während und nach Phasen räumlicher Trennung aufrechterhalten.
QUELLENSTAND: 21. AUGUST 2026
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