Zwei Papas & moderne Vaterschaft: Wie wir Familie heute leben
Lange drehte sich bei Papaarade vieles um die Frage, wie wir überhaupt Eltern werden können. Wir haben über unseren Kinderwunsch geschrieben, über Leihmutterschaft in Kalifornien, medizinische Entscheidungen, die Schwangerschaft und schließlich die Geburt.
Seit Januar 2026 sind wir Väter. Seitdem beschäftigen uns ganz andere Fragen.
Wer steht nachts auf? Wann ist eine Aufteilung eigentlich fair? Was passiert, wenn ein System, das wochenlang funktioniert hat, plötzlich nicht mehr passt? Wie verändert sich eine Beziehung, wenn Zeit und Energie nicht mehr nur uns beiden gehören? Und wie finden zwei Männer ihre eigenen Rollen als Väter, wenn keiner von uns automatisch für bestimmte Dinge zuständig ist?
Wir sind Martin und Robert. Wir sind beide Väter unseres Sohnes, aber wir sind nicht derselbe Vater. Wir organisieren unterschiedlich, reagieren unterschiedlich auf Stress und brauchen manchmal unterschiedlich lange, bis wir bei einer Entscheidung ankommen. Vieles funktioniert bei uns deshalb nicht, weil wir von Anfang an dieselbe Lösung haben, sondern weil wir lernen, mit diesen Unterschieden Familie zu sein.
Darüber geht es hier.
Zwei Väter bedeuten nicht zweimal denselben Vater
Bevor unser Sohn geboren wurde, konnten wir ziemlich viel planen. Wir haben über Elternzeit gesprochen, Aufgaben verteilt und uns Gedanken darüber gemacht, wie gleichberechtigte Elternschaft für uns aussehen könnte.
Dann kam der Alltag.
Manche Aufteilungen, die auf dem Papier sinnvoll wirkten, haben tatsächlich gut funktioniert. Andere mussten wir nach kurzer Zeit wieder ändern. Manchmal kommt einer von uns mit einer anstrengenden Phase besser zurecht, manchmal der andere. Müdigkeit verändert außerdem erstaunlich schnell die eigene Vorstellung davon, was gerade gerecht ist.
Wir versuchen deshalb nicht, alles exakt gleich zu machen. Uns ist wichtiger, dass wir beide Verantwortung tragen und keiner von uns dauerhaft in die Rolle rutscht, Dinge zu organisieren, während der andere sie nur ausführt.
Das klingt relativ selbstverständlich. Im Alltag muss man darüber trotzdem immer wieder sprechen.
Wer macht es und wer denkt daran?
Care-Arbeit besteht nicht nur aus den Dingen, die man sehen kann.
Eine Flasche machen, etwas einkaufen oder nachts aufstehen ist eine Aufgabe. Zu wissen, dass etwas gebraucht wird, rechtzeitig daran zu denken und sich dafür verantwortlich zu fühlen, ist noch einmal etwas anderes.
Auch in einer Familie mit zwei Vätern verteilt sich dieser Mental Load nicht automatisch gerecht. Wir haben keine klassischen Mutter- und Vaterrollen, auf die wir zurückgreifen könnten, aber natürlich bringen wir trotzdem unsere Gewohnheiten, Persönlichkeiten und Vorstellungen mit.
Deshalb interessiert uns inzwischen weniger, ob wir an einem bestimmten Tag alles exakt 50:50 aufgeteilt haben. Wichtiger ist, ob sich Verantwortung über längere Zeit für beide fair anfühlt und ob wir merken, wenn das nicht mehr der Fall ist.
Manchmal braucht es dafür eine klare Zuständigkeit. In anderen Situationen funktioniert Abwechseln besser. Und gelegentlich müssen wir ein System komplett verwerfen und etwas Neues ausprobieren.
Was moderne Vaterschaft für uns bedeutet
Über moderne Vaterschaft wird viel gesprochen. Oft geht es um Care-Arbeit, emotionale Präsenz, Gleichberechtigung oder die Frage, wie sehr sich die klassische Vaterrolle verändert hat.
Diese gesellschaftliche Perspektive ist wichtig, aber seit wir selbst Väter sind, ist das Thema für uns sehr viel konkreter geworden.
Vatersein zeigt sich meistens nicht in großen Aussagen darüber, was für ein Vater man sein möchte. Es zeigt sich morgens, wenn man müde ist. In einer Aufgabe, die man vollständig übernimmt, ohne dass der andere daran erinnern muss. Darin, dem Partner Raum zu geben, obwohl man selbst gerade wenig davon hat. Oder in einer Entscheidung, bei der keiner von uns sicher weiß, ob sie die richtige ist.
Unsere Vorstellung von moderner Vaterschaft entsteht deshalb im Alltag und verändert sich mit uns.
Wer sich ausführlicher mit den gesellschaftlichen Erwartungen an Väter beschäftigen möchte, findet dazu unseren Beitrag Die Vaterrolle verstehen: Was moderne Männer heute wirklich erwartet.
Wann fühlt man sich eigentlich wirklich wie ein Vater?
Wir hatten Jahre damit verbracht, Eltern zu werden. Trotzdem war mit der Geburt nicht automatisch jede innere Veränderung abgeschlossen.
Robert hat später über einen ziemlich unspektakulären Moment geschrieben, in dem ihm plötzlich bewusst wurde, dass aus unserem jahrelangen Weg zur Familie tatsächliche Verantwortung geworden war. Kein weiterer medizinischer Schritt, kein neues Dokument, kein nächster Meilenstein. Da war einfach unser Sohn und die Erkenntnis, dass seine Tage nun auch von unseren Entscheidungen abhängen.
Der Moment, in dem ich wirklich verstanden habe, dass ich Vater bin
Dieser Text ist wahrscheinlich der persönlichste Einstieg in unsere heutige Vaterwelt.
Elternwerden hat auch unsere Beziehung verändert
Wir waren lange ein Paar, bevor wir Eltern wurden. Wir kannten unsere Eigenheiten, wussten ziemlich genau, wie der andere auf Stress reagiert, und hatten viele Jahre Zeit, einen gemeinsamen Alltag zu entwickeln.
Ein Baby verändert trotzdem etwas.
Zeit ist plötzlich knapper und lässt sich schlechter spontan verteilen. Müdigkeit macht aus kleinen Unterschieden manchmal größere. Entscheidungen betreffen häufiger die ganze Familie. Gleichzeitig erleben wir Seiten voneinander, die es ohne Elternschaft wahrscheinlich nie gegeben hätte.
Wir erzählen nicht jeden Konflikt öffentlich. Unsere Beziehung braucht genauso Privatsphäre wie andere Teile unseres Familienlebens. Was wir aber erzählen können, sind die Entscheidungen und Veränderungen, die sich daraus ergeben: wann eine Aufteilung nicht mehr funktioniert hat, warum wir Dinge unterschiedlich sehen oder weshalb einer von uns in einer bestimmten Phase mehr übernimmt als der andere.
Gerade diese Unterschiede sind inzwischen ein wichtiger Teil von Papaarade.
Gleichberechtigt heißt nicht jeden Tag genau gleich
Auch Arbeit und Elternzeit beeinflussen, wie Care-Arbeit überhaupt verteilt werden kann.
Wer an einem bestimmten Tag mehr Zeit zu Hause hat, kann häufig auch mehr übernehmen. Arbeitswege, Termine und berufliche Phasen verändern diese Möglichkeiten immer wieder. Eine faire Aufteilung kann deshalb für uns heute anders aussehen als einige Monate später.
Das hat unseren Blick auf Gleichberechtigung verändert. Wir messen sie weniger daran, ob jeder exakt dieselbe Anzahl an Aufgaben erledigt. Entscheidend ist eher, ob beide Verantwortung tragen, beide Zeit mit unserem Sohn haben und keiner dauerhaft das Gefühl bekommt, dass seine Zeit weniger wert ist.
Mehr dazu erzählen wir in „Von Rollenklischees zu echter Gleichberechtigung“ und in unserem Beitrag über Väter in Elternzeit.
Vatersein ist nicht nur Organisation
Neben all den Systemen gibt es natürlich noch etwas anderes: Gefühle.
Elternschaft kann gleichzeitig schön und erschöpfend sein. Es gibt Momente, in denen wir uns sicher fühlen, und andere, in denen einer von uns überhaupt nicht weiß, ob er gerade richtig reagiert. Wir sind nicht immer gleichzeitig gelassen und auch nicht von denselben Dingen überfordert.
Darüber miteinander sprechen zu können, ist für unsere Beziehung wichtiger geworden.
Auch unsere eigenen Vorstellungen davon, wie Männer mit Unsicherheit, Angst oder Verletzlichkeit umgehen, spielen dabei eine Rolle. Im Beitrag "Wie moderne Väter über Gefühle sprechen" beschäftigen wir uns ausführlicher damit.
Eine zusätzliche Ebene kommt manchmal dadurch hinzu, dass wir schwule Väter sind. Gesellschaftliche Erwartungen, fehlende Vorbilder oder das Gefühl, von außen genauer betrachtet zu werden, können die eigene Unsicherheit verstärken. Darüber schreiben wir in "Unsicher als schwuler Vater: Druck, Erwartungen und innere Stärke".
Wir sind schwule Väter. Unser Alltag dreht sich trotzdem meistens um Elternschaft.
Dass wir eine queere Familie sind, gehört zu unserer Geschichte. Es hat beeinflusst, welchen Weg wir überhaupt gehen konnten, um Eltern zu werden, und es spielt eine Rolle bei manchen rechtlichen Fragen oder Reaktionen von außen.
Die meisten Tage beschäftigen uns aber mit denselben Dingen, die Eltern überall beschäftigen: Schlaf, Arbeit, Termine, Reisen, Müdigkeit, Organisation und die Frage, ob das System von gestern heute noch funktioniert.
Wir möchten unsere Familie deshalb nicht ständig erklären oder beweisen, dass sie „ganz normal“ ist. Wir erzählen lieber, was tatsächlich passiert.
Wer gezielt mehr über Familiengründung, Sichtbarkeit und Erfahrungen schwuler Väter lesen möchte, findet das auf unserer Seite „Erfahrungen schwuler Väter“.
Wir erzählen unsere Elternschaft, nicht die Kindheit unseres Sohnes
Mit dem Elternwerden mussten wir auch entscheiden, was wir eigentlich öffentlich teilen möchten.
Unser Sohn gehört zu unserem Alltag und ist natürlich der Grund dafür, dass viele Geschichten überhaupt entstehen. Trotzdem möchten wir seine Kindheit nicht dokumentieren, damit andere Menschen Content haben.
Wenn wir über eine schwierige Nacht sprechen, geht es deshalb darum, wie wir damit umgehen. Wenn sich eine Routine verändert, erzählen wir, was das für unseren Alltag bedeutet. Und wenn etwas hauptsächlich seine private Geschichte wäre, bleibt es privat.
Martin und Robert sind die Personen, die Papaarade öffentlich begleiten soll. Unser Sohn darf später selbst entscheiden, welche Teile seines Lebens zu ihm gehören und welche davon er mit anderen teilen möchte.
Wo du weiterlesen kannst
Wenn du unsere Vaterwelt gerade erst entdeckst, würden wir mit „Der Moment, in dem ich wirklich verstanden habe, dass ich Vater bin“ anfangen.
Danach hängt es davon ab, was dich gerade interessiert:
Vaterrolle und Erwartungen:
Die Vaterrolle verstehen: Was moderne Männer heute wirklich erwartet
Verantwortung und Gleichberechtigung:
Von Rollenklischees zu echter Gleichberechtigung
Arbeit und verfügbare Familienzeit:
Väter in Elternzeit
Väter und Gefühle:
Wie moderne Väter über Gefühle sprechen
Queere Vateridentität und Erwartungsdruck:
Unsicher als schwuler Vater: Druck, Erwartungen und innere Stärke
Familiengründung und Erfahrungen schwuler Väter:
Erfahrungen schwuler Väter
Weitere Beiträge findest du in unserem Bereich Zwei Papas & moderne Vaterschaft.
Manche Geschichten funktionieren besser im Gespräch
Nicht aus jeder Situation muss ein Ratgeber oder Blogartikel werden.
Gerade wenn wir dieselbe Phase unterschiedlich erlebt haben, ist ein Gespräch oft spannender als eine sauber aufgeschriebene Lösung. Im Papaarade Podcast sprechen wir deshalb ausführlicher über unseren Alltag, Entscheidungen, Veränderungen und die Dinge, die bei uns eben nicht beim ersten Versuch funktioniert haben.
Und wenn du wissen möchtest, was bei uns gerade passiert, findest du die kleineren Situationen dazwischen auf Instagram.