Seit wir Väter sind, ist die Frage nach der Vaterrolle für uns sehr viel konkreter geworden.
Sie zeigt sich nachts, wenn jemand aufsteht. Wenn eine Entscheidung ansteht, die keiner vorher auf dem Plan hatte. Wenn einer müde ist und die Verantwortung trotzdem bleibt. Und auch darin, wie wir als Paar miteinander umgehen, obwohl sich unser Alltag seit der Geburt grundlegend verändert hat.
Gleichzeitig sind die Erwartungen an Väter heute breiter als früher. Erwerbsarbeit und finanzielle Verantwortung spielen weiterhin eine Rolle. Betreuung, Care-Arbeit, emotionale Präsenz und eine partnerschaftliche Aufteilung gehören inzwischen für viele genauso selbstverständlich zum Bild eines engagierten Vaters.
Wir finden dabei weniger interessant, ein neues Ideal dafür zu definieren, wie ein moderner Vater sein sollte. Uns beschäftigt eher, was Vatersein im wirklichen Familienalltag verlangt und wie viel davon jeder Vater selbst gestalten kann.
Die Erwartungen an Väter haben sich verändert
Das traditionelle Vaterbild war lange stark mit Arbeit und finanzieller Versorgung verbunden. Ganz verschwunden ist es nicht.
Gleichzeitig wünschen sich viele Väter heute eine deutlich stärkere Beteiligung am Familienalltag.
Im Väterreport der Bundesregierung gab jeder zweite befragte Vater an, gern die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen zu wollen. Tatsächlich gelang das 21 Prozent. 43 Prozent wollten einen größeren Anteil übernehmen, als sie zu diesem Zeitpunkt tatsächlich leisteten.
Auch der Familienreport 2024 zeigt, dass Väter heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als noch zehn Jahre zuvor. Trotzdem bleibt die tatsächliche Verteilung in vielen Mutter-Vater-Familien ungleich. In Paarfamilien übernahmen 75 Prozent der Mütter den größeren Teil der Kinderbetreuung, obwohl nur 48 Prozent diese Aufteilung als ideal empfanden.
Diese Lücke zwischen Wunsch und Alltag finden wir für die Diskussion über moderne Vaterschaft fast interessanter als jedes neue Rollenbild.
Es ist relativ leicht, sich als engagierten Vater zu verstehen. Im Familienleben zeigt sich irgendwann, was davon tatsächlich umgesetzt werden kann.
Im Alltag werden große Begriffe ziemlich klein
Gleichberechtigung, Care-Arbeit und Verantwortung klingen schnell nach gesellschaftlicher Grundsatzdiskussion.
Bei uns sind es meistens viel banalere Situationen.
Wer bemerkt, dass etwas fehlt? Wer kennt den nächsten Termin? Wer merkt, dass eine Routine seit ein paar Tagen nicht mehr funktioniert? Wer weiß, was noch eingepackt werden muss? Und wer hat überhaupt im Kopf, dass eine Entscheidung ansteht?
Seit wir Eltern sind, merken wir stärker, dass Verantwortung oft beginnt, bevor jemand die eigentliche Aufgabe erledigt.
Dabei ist unsere Aufteilung nicht jeden Tag gleich. In manchen Phasen übernimmt einer deutlich mehr. Später verschiebt sich das wieder.
Wir schauen deshalb inzwischen stärker darauf, ob beide grundsätzlich Verantwortung tragen und ob wir merken, wenn einer von uns immer mehr davon übernimmt.
Wie schnell daraus Mental Load entstehen kann und wie wir damit umgehen, behandeln wir ausführlicher in Mental Load und Care-Arbeit: Wie wir Verantwortung als zwei Väter fair teilen.
Zwei Väter machen manche Rollenbilder erstaunlich sichtbar
In unserer Familie gibt es keine Mutter, an der bestimmte Aufgaben automatisch hängen bleiben könnten.
Das heißt allerdings nicht, dass sich bei uns alles von selbst gleichmäßig verteilt.
Wir sind zwei unterschiedliche Menschen. Wir reagieren anders auf Stress, haben verschiedene Vorstellungen von Ordnung und Planung und sehen manchmal schon bei der Frage, wann etwas dringend wird, die Situation völlig unterschiedlich.
Auch wir müssen deshalb aushandeln, wer was übernimmt.
Wer steht auf? Wer organisiert einen Termin? Wer bemerkt zuerst, dass etwas nicht mehr funktioniert? Wer braucht gerade eine Pause? Und wie verändern wir die Aufteilung, wenn sich Arbeit oder Elternzeit ändern?
Dass wir beide Männer sind, nimmt uns diese Gespräche nicht ab.
Was dadurch allerdings sehr sichtbar wird: Viele Tätigkeiten, die traditionell einer Mutter oder einem Vater zugeschrieben wurden, haben mit dem Geschlecht des Elternteils im konkreten Moment wenig zu tun.
Unser Sohn wird getröstet, weil er Trost braucht. Eine Flasche wird gemacht, weil er Hunger hat. Jemand steht nachts auf, weil er wach geworden ist.
Wer von uns beiden das gerade tut, macht die Tätigkeit nicht männlicher oder weiblicher.
Emotionale Präsenz ist mehr als über Gefühle zu sprechen
Wenn über moderne Männer gesprochen wird, fällt häufig der Satz, Männer müssten endlich lernen, mehr über ihre Gefühle zu sprechen.
Für Vatersein greift uns das zu kurz.
Schon auf unserem Weg zur Elternschaft mussten wir lernen, Unsicherheit oder Angst miteinander auszusprechen. Seit unser Sohn da ist, kommt eine weitere Ebene dazu.
Wir möchten nicht so tun, als wären wir nie erschöpft, traurig oder ratlos. Gleichzeitig kann unser Kind nicht dafür zuständig sein, unsere Gefühle aufzufangen.
Emotionale Präsenz hat für uns deshalb viel mit Wahrnehmung zu tun. Merke ich, wie es mir gerade geht? Kann ich mit meinem Partner darüber sprechen? Und kann ich trotzdem aufmerksam dafür bleiben, was mein Kind in diesem Moment braucht?
Auch in der Forschung gibt es dafür einen gut untersuchten Begriff: elterliche Sensitivität. Gemeint ist unter anderem die Fähigkeit, Signale eines Kindes wahrzunehmen, einzuordnen und passend darauf zu reagieren.
Eine große Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 fand einen positiven Zusammenhang zwischen väterlicher Sensitivität und sicherer Eltern-Kind-Bindung. Die Größenordnung unterschied sich statistisch nicht wesentlich vom entsprechenden Zusammenhang bei Müttern.
Eine weitere Meta-Analyse speziell zu Vätern fand Zusammenhänge mit verschiedenen Bereichen kindlicher Entwicklung, darunter kognitive Entwicklung und Emotionsregulation. Nicht für sämtliche untersuchten sozioemotionalen Bereiche zeigten sich entsprechende Zusammenhänge.
Was wir aus dieser Forschung mitnehmen
Die Studien liefern keine Anleitung für den perfekten Vater.
Für uns unterstützen sie aber einen Gedanken, den wir im Alltag plausibel finden: Entscheidend ist weniger, wie überzeugend ein Vater seine Gefühle darstellen kann, als wie aufmerksam er sein Kind wahrnimmt und darauf reagiert.
Manchmal kann dazu gehören, offen zu sagen: „Heute war ein anstrengender Tag.“
Andere Dinge gehören zwischen Erwachsene und nicht in die Verantwortung eines Kindes.
Was angemessen ist, verändert sich mit dem Alter, der Situation und dem Thema. Wir möchten unserem Sohn jedenfalls weder emotionale Unverwundbarkeit vorspielen noch ihn mit unserer eigenen Innenwelt belasten.
Arbeit und finanzielle Verantwortung gehören weiterhin dazu
Wir finden es ebenso wenig sinnvoll, die klassische Versorgerrolle im Rückblick einfach abzuwerten.
Arbeit und finanzielle Sicherheit sind wichtige Teile von Familienverantwortung.
In unserem eigenen Alltag sehen wir sehr konkret, dass Erwerbsarbeit und verfügbare Familienzeit miteinander zusammenhängen. Wenn einer mehr arbeitet und der andere mehr Zeit zuhause verbringt, verändert das zwangsläufig die Aufgabenverteilung.
Schwierig wird es für uns erst, wenn aus einer praktischen Aufteilung eine grundsätzliche Zuständigkeit entsteht.
Deshalb beschäftigt uns nicht nur die Frage, wer wie viel arbeitet, sondern auch, was danach zuhause passiert.
Unsere eigenen Erfahrungen damit, zunächst beide Elternzeit zu haben und später wieder sehr unterschiedliche Arbeitstage zu leben, haben wir in Elternzeit für Väter: Was sie im Familienalltag wirklich verändert ausführlicher beschrieben.
Ein neues Vaterideal kann genauso anstrengend werden wie das alte
Auch moderne Vaterschaft kann irgendwann wie eine ziemlich lange Anforderungsliste klingen.
Ein Vater soll beruflich erfolgreich sein, selbstverständlich viel Care-Arbeit übernehmen, geduldig bleiben, emotional reflektiert sein, viel Zeit mit seinem Kind verbringen, die Partnerschaft pflegen und dabei idealerweise noch genügend Energie für Freunde, Sport und sich selbst behalten.
Das klingt für uns nicht besonders realistisch.
Auch gesellschaftlich sehen wir eher eine Übergangsphase. Viele Väter wünschen sich mehr Zeit für Betreuung und Familie, während Arbeitsmodelle und tatsächliche Aufgabenverteilung diesen Wunsch nur teilweise ermöglichen.
Wir möchten deshalb aus moderner Vaterschaft nicht das nächste Modell machen, an dem Männer scheitern können.
Wir machen Fehler. Wir reagieren manchmal unterschiedlich auf dieselbe Situation. Wir merken gelegentlich zu spät, dass eine Regel nicht mehr funktioniert. Und wir verändern Systeme, die wir ein paar Wochen vorher noch für ziemlich gut gehalten haben.
Das gehört inzwischen genauso zu unserem Verständnis von Vatersein wie Verantwortung oder Präsenz.
Die eigene Vaterrolle entsteht mit der Zeit
Wir hätten vor der Geburt ziemlich ausführlich beschreiben können, welche Väter wir gerne sein wollten.
Der tatsächliche Alltag ist weniger theoretisch.
Man lernt sein Kind kennen, erlebt sich selbst in neuen Situationen und entdeckt Eigenschaften am Partner, die vorher vielleicht nie eine Rolle gespielt haben. Viel davon entsteht durch Wiederholung.
Aufstehen. Beruhigen. Entscheiden. Füttern. Spielen. Organisieren. Wieder von vorne.
Dabei wird bei uns auch immer deutlicher, dass zwei engagierte Väter keineswegs dieselbe Art von Vater sein müssen.
Wir reagieren unterschiedlich und setzen manchmal andere Prioritäten. Unser Sohn hat zu jedem von uns eine eigene Beziehung.
Das empfinden wir inzwischen als etwas Wertvolles. Er braucht nicht zweimal dieselbe Person.
Wichtiger ist, dass er sich auf uns beide verlassen kann und dass unsere Unterschiede nicht zu einem Wettbewerb darüber werden, wer Elternschaft richtiger versteht.
Mehr über unseren Alltag als zwei Väter
Die Vaterrolle ist bei Papaarade keine einzelne theoretische Frage. Sie taucht in vielen Teilen unseres Alltags wieder auf.
Unter Zwei Papas & Vaterschaft findest du unsere größere Themenwelt dazu.
Wenn dich besonders interessiert, wie Verantwortung zwischen uns verteilt wird, führt Mental Load und Care-Arbeit weiter.
Und in Elternzeit für Väter erzählen wir, warum drei gemeinsame Monate zuhause und die spätere Rückkehr in den Beruf unsere Rollen unterschiedlich geprägt haben.
Häufige Fragen zur Vaterrolle
Was versteht man heute unter der Vaterrolle?
Eine einheitliche moderne Vaterrolle gibt es nicht. Untersuchungen zeigen aber, dass Betreuung, Zeit mit den Kindern und partnerschaftliche Aufteilung für viele Väter wichtiger geworden sind. Gleichzeitig besteht weiterhin eine deutliche Lücke zwischen gewünschter und tatsächlich gelebter Beteiligung.
Wie hat sich die Vaterrolle in Deutschland verändert?
Väter verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern, und viele wünschen sich einen größeren Anteil an Betreuung. Erwerbsarbeit und Familienarbeit sind in vielen Familien trotzdem weiterhin unterschiedlich verteilt.
Gehört emotionale Offenheit zu moderner Vaterschaft?
Wir finden emotionale Kompetenz wichtig, würden sie aber nicht mit möglichst viel Selbstoffenbarung gleichsetzen. Forschung zeigt unter anderem Zusammenhänge zwischen väterlicher Sensitivität und sicherer Bindung beziehungsweise einzelnen Bereichen kindlicher Entwicklung.
Sind Care-Arbeit und Mental Load Teil der Vaterrolle?
Aus unserer Sicht ja. Wie Eltern diese Verantwortung konkret verteilen, kann sehr unterschiedlich aussehen. In unserem Alltag achten wir weniger auf eine mathematisch gleiche Aufgabenmenge als darauf, dass Verantwortung nicht dauerhaft bei einem Elternteil hängen bleibt.
Ist Vatersein bei zwei Vätern anders?
Wir können nur für unsere Familie sprechen. Ohne klassische Mutter-Vater-Aufteilung müssen wir viele Zuständigkeiten ausdrücklich miteinander klären. Dadurch sind Rollenbilder manchmal besonders sichtbar. Trotzdem sind wir nicht dieselbe Art von Vater und wollen das auch nicht sein.
Unsere Vorstellung von Vatersein wird sich weiter verändern
Wir wissen inzwischen weniger genau als früher, wie ein „moderner Vater“ aussehen soll.
Das empfinden wir eher als Fortschritt.
Wir möchten beide tatsächlich Eltern sein, Verantwortung übernehmen, eine eigene Beziehung zu unserem Sohn haben und miteinander darüber sprechen können, wenn etwas nicht mehr funktioniert.
Wie genau das in fünf oder zehn Jahren aussieht, wissen wir heute nicht.
Unser Sohn wird sich verändern. Unsere Arbeit wird sich verändern. Wahrscheinlich verändern wir uns ebenfalls.
Unsere Vaterrolle darf das auch.
Daten- und Quellenstand: 18. August 2026
Quellen
Für die gesellschaftliche Einordnung haben wir insbesondere den Väterreport 2023 des Bundesfamilienministeriums verwendet. Er bündelt amtliche Statistik, wissenschaftliche Studien und repräsentative Befragungen zu Einstellungen, Zeitverwendung, Erwerbsarbeit und Betreuung durch Väter in Deutschland.
Der Familienreport 2024 des Bundesfamilienministeriums ergänzt Daten zur Zeit mit Kindern, zur Verteilung von Kinderbetreuung und zu partnerschaftlichen Familienmodellen.
Für die Einordnung der Vereinbarkeit von Vatersein und Beruf haben wir außerdem die Publikation „Väter und Vereinbarkeit“ berücksichtigt.
Zur Forschung über Eltern-Kind-Interaktion beziehen wir uns auf Madigan et al. (2024): „Maternal and paternal sensitivity: Key determinants of child attachment security examined through meta-analysis“ sowie auf Rodrigues et al. (2021): „Paternal Sensitivity and Children's Cognitive and Socioemotional Outcomes: A Meta-Analytic Review“.
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