Bei uns gibt es kein klassisches Mutter-Vater-Schema, nach dem sich bestimmte Aufgaben scheinbar von selbst verteilen.
Bevor wir Eltern wurden, hätten wir wahrscheinlich gedacht, dass das eine ziemlich gute Voraussetzung für Gleichberechtigung ist. Inzwischen wissen wir: Zwei Männer ergeben nicht automatisch zwei Eltern, bei denen Verantwortung vollkommen ausgewogen verteilt ist.
Auch bei uns sieht einer manche Dinge früher als der andere. Einer hat zeitweise mehr Raum für Familie, während der andere stärker in der Erwerbsarbeit steckt. Manche Aufgaben liegen einem von uns mehr. Andere bleiben erstaunlich schnell bei derselben Person hängen.
Seit unser Sohn da ist, hat sich deshalb auch unsere Vorstellung davon verändert, was eine faire Aufteilung eigentlich bedeutet.
Wir versuchen nicht mehr, jeden einzelnen Tag auf 50/50 zu bringen. Uns beschäftigt stärker, ob wir beide Verantwortung für unser gemeinsames Leben tragen und ob einer von uns irgendwann unbemerkt zumjenigen wird, der den Familienalltag im Kopf zusammenhalten muss.
Fair sieht nicht jeden Tag gleich aus
Wenn man nur einen einzelnen Dienstag betrachten würde, könnte unsere Aufteilung ziemlich unausgeglichen wirken.
Vielleicht verbringt einer fast den ganzen Tag mit unserem Sohn, während der andere arbeitet. In der Nacht davor war die Belastung möglicherweise genau andersherum. Gleichzeitig laufen im Hintergrund Termine, Einkäufe, Wäsche, Papierkram oder Dinge, an die irgendwann jemand denken muss.
Deshalb funktioniert für uns eine tägliche Abrechnung nicht besonders gut.
Es geht auch nicht darum, jede Flasche, jede Nacht und jeden Termin exakt zu halbieren. Problematisch würde es für uns eher dann, wenn einer dauerhaft für Familie zuständig wäre und der andere hauptsächlich einspringt, wenn er darum gebeten wird.
Genau da wird für uns Mental Load greifbar.
Was Care-Arbeit in Deutschland tatsächlich bedeutet
Wenn über Care-Arbeit gesprochen wird, denkt man schnell an die sichtbaren Dinge: Kinder betreuen, kochen, putzen, einkaufen oder Wäsche machen.
Die amtliche Statistik fasst unbezahlte Arbeit breiter. Dazu gehören unter anderem Haushalt und Kinderbetreuung, Einkaufen und Haushaltsorganisation sowie Unterstützung und Pflege.
Nach den revidierten Ergebnissen der Zeitverwendungserhebung 2022 kamen Väter auf durchschnittlich 25 Stunden und 22 Minuten unbezahlte Arbeit pro Woche, Mütter auf 39 Stunden und 56 Minuten.
Interessant ist dabei, dass sich die gesamte Arbeitszeit aus Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit kaum unterschied: 59 Stunden und 9 Minuten bei Vätern gegenüber 58 Stunden und 56 Minuten bei Müttern. Der Unterschied liegt also vor allem darin, wie diese Arbeit verteilt ist.
Bei Betreuung, Pflege und Unterstützung von Haushaltsmitgliedern weist Destatis für Väter 8 Stunden und 19 Minuten pro Woche aus, für Mütter 14 Stunden und 33 Minuten. Auch für Kochen, Putzen, Waschen sowie Einkaufen und Haushaltsorganisation verwenden Mütter durchschnittlich mehr Zeit.
Über alle Frauen und Männer ab 18 Jahren hinweg lag der Gender Care Gap 2022 bei 43,4 Prozent.
Das beschreibt nicht unsere Familie. Die Statistik vergleicht Frauen und Männer beziehungsweise Mütter und Väter und sagt nichts darüber aus, wie zwei Väter ihre Aufgaben untereinander organisieren.
Sie zeigt aber, warum die Diskussion darüber nicht bei der Frage enden kann, wer gestern den Geschirrspüler ausgeräumt hat.
Viel Arbeit passiert, bevor überhaupt etwas sichtbar wird
Das merken wir inzwischen ständig.
Eine Aufgabe beginnt häufig nicht erst in dem Moment, in dem jemand sie erledigt. Vorher muss jemand bemerken, dass etwas fehlt, wissen, wann es wieder gebraucht wird, Informationen zusammensuchen, einen Termin im Blick behalten oder überhaupt entscheiden, dass jetzt etwas getan werden muss.
Wenn einer sagt: „Sag mir einfach, was ich machen soll“, kann das freundlich gemeint sein. Aber der andere bleibt in diesem Moment trotzdem derjenige, der den Überblick haben und Arbeit verteilen muss.
Wir versuchen deshalb eher ganze Verantwortungsbereiche zu sehen als einzelne Handgriffe.
Wenn einer von uns etwas übernimmt, sollte nicht automatisch der andere weiterhin daran denken müssen, wann es passieren soll und ob es erledigt wurde.
Dass diese unsichtbare Organisationsarbeit gesellschaftlich sehr unterschiedlich wahrgenommen werden kann, zeigte auch die Vermächtnisstudie 2023 von WZB, ZEIT und infas. Bei 21 untersuchten Aufgaben aus Haushalt, Familienorganisation und Freizeit lagen nur drei überwiegend oder ausschließlich bei Männern: Reparaturen, Handwerker und Finanzen. Gleichzeitig schätzten Männer die mentale Belastung häufiger als fair verteilt ein als Frauen.
Für uns ist daran weniger interessant, diese Ergebnisse direkt auf zwei Väter zu übertragen. Das können sie nicht. Spannend ist eher, wie leicht zwei Menschen dieselbe Aufteilung offenbar unterschiedlich erleben können.
Unsere Nächte haben unsere Vorstellung von Fairness ziemlich verändert
Bei uns waren die Nächte dafür ein sehr konkretes Beispiel.
Eine Zeit lang hatten wir ein festes Schichtsystem. Jeder wusste, wann er zuständig war. Niemand musste nachts erst diskutieren, wer jetzt aufsteht, und beide hatten verlässliche Phasen, in denen sie schlafen konnten.
Das funktionierte richtig gut.
Bis sich die Nächte unseres Sohnes veränderten.
Plötzlich konnte eine Schicht bedeuten, einmal aufzustehen oder ständig aus dem Schlaf gerissen zu werden. Auf dem Papier hatten wir die Nacht weiterhin exakt geteilt. In der tatsächlichen Belastung fühlte sich diese Teilung irgendwann nicht mehr besonders sinnvoll an.
Also haben wir wieder umgestellt und uns beim Aufstehen abgewechselt.
Für uns war daran vor allem interessant, wie schnell ein System, mit dem beide zufrieden waren, seinen Sinn verlieren kann. Nicht weil wir es vorher schlecht geplant hatten, sondern weil sich unser Familienalltag verändert hatte.
Seitdem versuchen wir Aufteilungen weniger als endgültige Lösungen zu behandeln.
Erwerbsarbeit macht die Sache nicht einfacher
Ähnlich erleben wir es bei Arbeit und Elternzeit.
Wenn einer mehr Zeit mit unserem Sohn verbringt, übernimmt er zwangsläufig auch mehr von bestimmten Dingen im Alltag. Wir würden es künstlich finden, abends jede Tätigkeit nachzuholen, nur damit am Ende beide dieselbe Anzahl erledigt haben.
Trotzdem möchten wir vermeiden, dass sich aus einer zeitweisen Aufteilung eine grundsätzliche Zuständigkeit entwickelt.
„Du bist gerade mehr zuhause“ und „Du bist für Familie zuständig“ sind für uns nicht dasselbe.
Der Familienreport 2024 zeigt, dass diese Frage auch in vielen Mutter-Vater-Familien nicht einfach gelöst ist. In 75 Prozent der Paarfamilien übernahmen Mütter den größeren Teil der Kinderbetreuung, obwohl nur 48 Prozent der Mütter genau diese Verteilung als ideal betrachteten.
Unsere Ausgangslage ist anders, weil bei uns keine Mutter vorhanden ist, der bestimmte Aufgaben gesellschaftlich automatisch zugeschrieben werden könnten. Zeit, Erwerbsarbeit, Gewohnheiten und unterschiedliche Persönlichkeiten gibt es bei uns trotzdem.
Deshalb entsteht Gleichberechtigung auch bei zwei Vätern nicht von selbst.
Wir bringen beide unsere eigenen Vorstellungen mit
Das merken wir bei viel banaleren Dingen als großen Rollenbildern.
Wie früh muss man einen Termin planen? Wann ist eine Wohnung wirklich unordentlich? Muss etwas sofort erledigt werden oder reicht nächste Woche? Wer denkt daran, dass etwas bald nachgekauft werden muss?
Darauf haben wir nicht automatisch dieselben Antworten.
Manchmal sieht einer bereits eine Aufgabe, während der andere überhaupt noch kein Problem erkennt. Daraus kann ziemlich schnell eine Situation entstehen, in der einer ständig vorausdenkt und der andere das Gefühl hat, doch durchaus seinen Teil zu erledigen.
Wir versuchen deshalb nicht, Unterschiede zwischen uns abzuschaffen. Die wird es ohnehin geben.
Wichtiger ist uns, dass daraus nicht irgendwann stillschweigend zwei feste Rollen werden: einer plant und erinnert, der andere führt aus.
Was bei uns besser funktioniert als komplizierte Systeme
Wir haben dafür weder eine perfekte Methode noch einen Aufgabenplan gefunden, den wir allen anderen empfehlen würden.
Ein paar Dinge helfen uns trotzdem.
Klare Zuständigkeiten sind meistens angenehmer als ständiges Delegieren. Wenn einer einen Bereich übernimmt, versuchen wir, möglichst auch die Planung dahinter bei ihm zu lassen.
Außerdem sprechen wir inzwischen schneller darüber, wenn eine Aufteilung nicht mehr funktioniert. Unser Nachtsystem hat uns gezeigt, dass es wenig bringt, an einer Regel festzuhalten, nur weil sie einmal fair war.
Und wir versuchen Überlastung anzusprechen, bevor daraus ein Streit darüber wird, wer objektiv mehr gemacht hat. Das klappt mal besser und mal schlechter.
Manchmal trägt einer tatsächlich eine Zeit lang mehr. Das ist für uns nicht automatisch ein Problem. Schwieriger wäre es, wenn das niemand mehr bemerkt oder wenn aus einer vorübergehenden Situation irgendwann einfach der Normalzustand wird.
Ein Danke kann trotzdem zu wenig sein
Wertschätzung ist uns wichtig. Gerade bei Arbeit, die niemand sieht, tut es gut, wenn der andere wahrnimmt, was dahintersteckt.
Aber Dankbarkeit verteilt keine Verantwortung neu.
Wenn einer dauerhaft Termine organisiert, Dinge im Blick behält und erinnert, ändert ein regelmäßiges „Danke“ nichts daran, dass diese Arbeit weiterhin bei ihm liegt.
Manchmal ist deshalb die hilfreichere Frage: Was davon kann ich wirklich übernehmen?
Für uns gehört beides zusammen. Zu sehen, was der andere leistet, und gleichzeitig bereit zu sein, selbst Verantwortung zu tragen.
50/50 ist für uns kein Ziel an sich
Es gibt Phasen, in denen eine ziemlich gleichmäßige Aufteilung gut funktioniert. In anderen wäre sie unrealistisch.
Krankheit, Arbeit, Schlafmangel oder verfügbare Zeit können dafür sorgen, dass einer von uns eine Weile deutlich mehr übernimmt.
Wir schauen deshalb eher darauf, was über einen längeren Zeitraum passiert.
Haben wir beide noch Einfluss darauf, wie Familie und Arbeit organisiert sind? Kann einer einen Bereich übernehmen, ohne vom anderen ständig gesteuert zu werden? Merken wir, wenn die Belastung kippt? Und können wir etwas verändern, ohne die bisherige Lösung gleich als gescheitert zu betrachten?
Damit können wir im Alltag mehr anfangen als mit einer möglichst exakten Rechnung.
Mental Load hat für uns viel mit Verantwortung zu tun
Das Wort „helfen“ passt für uns immer weniger zu Elternschaft.
Natürlich unterstützen wir einander. Aber keiner von uns hilft dem anderen bei dessen Familie.
Wir sind beide verantwortlich.
Das heißt nicht, dass wir alles gemeinsam machen oder dass jeder jederzeit über jedes Detail Bescheid wissen muss. Wir teilen Aufgaben auf, und manche Bereiche liegen stärker bei einem von uns.
Wir möchten nur vermeiden, dass einer irgendwann selbstverständlich davon ausgehen kann, der andere werde schon daran denken.
Genau dort begegnet uns Mental Load im Alltag am häufigsten.
Nicht unbedingt bei der Person, die gerade am meisten sichtbar macht, sondern bei der Frage, wer dafür sorgt, dass Dinge überhaupt auf dem Radar landen.
Mehr aus unserem Alltag als zwei Väter
Mental Load ist für uns nur ein Teil der größeren Frage, wie wir Verantwortung als Eltern verteilen.
Unter Zwei Papas & Vaterschaft erzählen wir ausführlicher darüber, wie sich unsere Rollen seit der Geburt entwickelt haben, wie Elternzeit unsere Aufteilung verändert hat und warum wir als zwei Väter trotzdem ziemlich unterschiedliche Arten haben, Familie zu organisieren.
Unsere Erfahrungen mit Elternzeit und der Rückkehr in den Beruf vertiefen wir außerdem in „Elternzeit für Väter: Regeln & Erfahrungen“.
Eine eigene Podcast- oder YouTube-Folge würde ich an dieser Stelle erst ergänzen, wenn sie diese Frage wirklich weiterführt. Ein allgemeiner Link zum Podcast würde dem Leser hier weniger geben als der direkte Weg in die passenden Vater-Themen.
Häufige Fragen zu Mental Load und Care-Arbeit
Was ist Mental Load?
Mental Load beschreibt die oft unsichtbare Denkarbeit hinter Familie und Alltag. Dazu gehören beispielsweise Vorausplanen, Erinnern, Organisieren und das Behalten des Überblicks. Dadurch kann eine sichtbare Aufgabe gleichmäßig verteilt sein, während die Verantwortung dahinter trotzdem überwiegend bei einer Person liegt.
Was zählt zur Care-Arbeit?
Im Familienalltag gehören unter anderem Kinderbetreuung, Haushalt, Versorgung, Organisation und Unterstützung anderer Menschen dazu. Das Statistische Bundesamt erfasst entsprechende Tätigkeiten als unbezahlte Arbeit beziehungsweise Haushaltsführung, Betreuung und weitere Unterstützungsleistungen.
Wie kann man Care-Arbeit fair aufteilen?
Eine universelle Aufteilung kennen wir nicht. Uns hilft es, eher ganze Verantwortungsbereiche als einzelne Tätigkeiten zu betrachten und regelmäßig zu prüfen, ob eine Lösung noch zu unserem tatsächlichen Alltag passt.
Ist 50/50 automatisch fair?
Nicht unbedingt. Arbeitszeit, verfügbare Zeit und Belastung verändern sich. Außerdem kann die sichtbare Arbeit gleichmäßig verteilt sein, während Planung und Mental Load hauptsächlich bei einer Person liegen.
Haben zwei Väter automatisch weniger Rollenprobleme?
Das können wir zumindest aus unserer Familie nicht bestätigen. Uns fehlt zwar die klassische Mutter-Vater-Zuordnung, aber Gewohnheiten, unterschiedliche Erwartungen und ungleiche Zuständigkeiten können trotzdem entstehen.
Was wir heute unter einer fairen Aufteilung verstehen
Wir rechnen nicht damit, irgendwann den Punkt zu erreichen, an dem wir unsere Aufgabenverteilung endgültig gelöst haben.
Dafür verändert sich bei uns gerade viel zu schnell zu viel.
Was wir uns wünschen, ist eigentlich weniger spektakulär: dass wir beide Eltern bleiben und Verantwortung übernehmen, auch wenn einer gerade mehr trägt als der andere.
Und dass wir merken, wenn eine Aufteilung, die lange gut funktioniert hat, irgendwann nicht mehr zu unserem Leben passt.
Dann müssen wir sie eben wieder ändern.
Daten- und Quellenstand: 18. August 2026
Quellen
Für die Daten zur Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit verwenden wir die revidierten Ergebnisse der Zeitverwendungserhebung 2022 des Statistischen Bundesamts. Die Ergebnisse wurden 2025 anhand der Bevölkerungseckwerte des Zensus 2022 neu hochgerechnet.
Die konkreten Wochenwerte für Mütter und Väter stammen aus der Destatis-Tabelle „Durchschnittliche Zeitverwendung für Erwerbs- und unbezahlte Arbeit von Vätern und Müttern“.
Zur Einordnung des Mental Load beziehen wir uns auf die Vermächtnisstudie 2023 des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), die gemeinsam mit ZEIT und infas durchgeführt wurde und erstmals auch unsichtbare kognitive Organisationsarbeit untersuchte.
Für die gesellschaftliche Einordnung der tatsächlichen und gewünschten Aufteilung von Kinderbetreuung nutzen wir den Familienreport 2024 des Bundesfamilienministeriums.
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