Die Geburt unseres Sohnes war vorbei. Wir hatten zwei Nächte mit ihm im Krankenhaus verbracht, ihn gefüttert, gewickelt und diese ersten Stunden irgendwie zwischen Adrenalin, wenig Schlaf und sehr vielen neuen Eindrücken erlebt.
Und dann kam die Entlassung.
Unser Airbnb lag nur fünf Minuten vom Krankenhaus entfernt. Trotzdem ist uns diese kurze Fahrt bis heute fast genauso präsent wie viele Momente rund um die Geburt. Denn im Krankenhaus war immer jemand da, den wir fragen konnten. Sobald wir mit unserem Sohn durch die Türen nach draußen gingen, änderte sich das.
Plötzlich waren wir selbst verantwortlich.
Die Geburt und unsere ersten Stunden im Krankenhaus erzählen wir ausführlich in unserem Geburtsbericht:
Geburt bei Leihmutterschaft in den USA: unser Geburtsbericht aus Kalifornien
Hier geht es um das, was danach kam.
Inhaltlich überarbeitet: 16. August 2026
Von: Robert · Papaarade
Der Moment der Entlassung
Bevor wir das Krankenhaus verlassen konnten, wurden noch die letzten organisatorischen Dinge erledigt. Unser Sohn trug während des Aufenthalts zwei Bänder: ein Identifikationsband, das mit unseren Bändern abgeglichen wurde, und ein Sicherheitsband, das einen Alarm ausgelöst hätte, wenn es entfernt worden wäre oder er den geschützten Bereich unerlaubt verlassen hätte.
Nach zwei Tagen Krankenhaus hatte man sich fast schon daran gewöhnt, dass ständig jemand ins Zimmer kam. Pflegepersonal, Untersuchungen, Visiten, Fragen. Dann wurden die Bänder abgenommen und wir durften gehen.
Auch der Autositz beschäftigte uns mehr, als wir vorher gedacht hatten. Wir hatten einen Neugeborenensitz über die Autovermietung reserviert und mussten uns erst einmal mit einem für uns ungewohnten Sitz und Mietwagen zurechtfinden. Im Krankenhaus wurde bei uns vor der Entlassung geschaut, ob ein geeigneter Sitz vorhanden war.
Das klingt rückblickend nach einem kleinen organisatorischen Detail. In diesem Moment fühlte es sich überhaupt nicht klein an.
Wir setzten unseren Sohn hinein, nahmen unsere Sachen und gingen zum Auto.
Dann fuhren wir los.
Fünf Minuten bis zum Airbnb
Die Strecke kannten wir längst. Unser Airbnb lag ungefähr fünf Minuten entfernt, gerade deshalb hatten wir die Lage für die Zeit rund um die Geburt gewählt.
Aber diese Fahrt fühlte sich völlig anders an als jede Fahrt davor.
Auf dem Hinweg zum Krankenhaus waren wir zu zweit gewesen und hatten darauf gewartet, Väter zu werden. Auf dem Rückweg saß unser Sohn hinter uns im Auto.
Im Airbnb angekommen, ging es zunächst um erstaunlich banale Dinge. Wir richteten das Beistellbett ein, organisierten die Wickelsachen, sortierten Kleidung und bereiteten Flaschen vor. Alles war eigentlich vorbereitet gewesen, und trotzdem musste plötzlich jedes Detail zum ersten Mal im echten Alltag funktionieren.
In den ersten Tagen machten wir sehr viel gemeinsam. Eine Flasche geben, wickeln, umziehen, beruhigen. Keiner von uns hatte das Gefühl, für irgendetwas schon wirklich zuständig oder besonders kompetent zu sein. Wir machten es einfach zusammen.
Und erstaunlich schnell wurden aus Dingen, über die wir vorher viel nachgedacht hatten, Handgriffe.
Erstaunlich schnell wurden aus Dingen, über die wir vorher viel nachgedacht hatten, ganz normale Handgriffe. Eine Windel war irgendwann einfach eine Windel und eine Flasche die nächste Flasche. Wir mussten nicht mehr jedes Mal darüber sprechen, was als Nächstes zu tun war.
Unsere erste Lösung für die Nächte
Schlaf war eines der ersten Themen, bei denen wir merkten, dass „wir machen einfach alles gemeinsam“ auf Dauer nicht besonders sinnvoll war.
Unser erstes System war deshalb ziemlich pragmatisch: Wir teilten die Nacht in zwei Blöcke. Einer übernahm ungefähr von 20 bis 2 Uhr, der andere von 2 bis 8 Uhr. So hatte zumindest jeder von uns die Chance auf einen längeren zusammenhängenden Schlafblock.
Das war kein System, von dem wir glaubten, dass es für alle Eltern funktionieren muss. Es war einfach das erste Modell, das für uns in dieser Situation praktikabel war.
Natürlich waren wir trotzdem müde. Aber es machte einen Unterschied, zu wissen: Jetzt bin ich dran, danach kann ich schlafen.
Und auch dieses System blieb nicht für immer gleich. Mit unserem Sohn, seinen Bedürfnissen und unserem Alltag haben sich später auch unsere Nächte immer wieder verändert. Rückblickend war diese erste Aufteilung vor allem unser Versuch, in einer völlig neuen Situation überhaupt irgendeine Struktur zu finden.
Vieles fühlte sich gleichzeitig groß und vollkommen alltäglich an
Das Merkwürdige an diesen ersten Tagen war für uns, wie schnell sich Extreme abwechselten.
Noch wenige Tage zuvor hatten wir jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet. Jetzt standen wir in einer Küche in einem Airbnb und wuschen Flaschen aus.
Wir konnten unseren Sohn ansehen und kaum glauben, dass er tatsächlich da war. Eine halbe Stunde später beschäftigte uns die Frage, wann er zuletzt getrunken hatte oder ob wir genug saubere Kleidung griffbereit hatten.
Zwischendurch half es uns, auch einmal für ein paar Minuten aus diesem neuen Rhythmus herauszukommen, ans Fenster zu treten oder einen Kaffee zu trinken, ohne dabei schon die nächste Aufgabe lösen zu wollen.
Nicht als große Methode zur Selbstfürsorge. Eher als Erinnerung daran, dass wir beide auch noch da waren.
Gerade in dieser Zeit merkten wir außerdem, wie unterschiedlich wir mit Unsicherheit und Müdigkeit umgehen. Das war nicht automatisch ein Problem. Wir mussten nur anfangen zu lernen, wann der andere gerade Unterstützung brauchte und wann es besser war, ihn einfach schlafen zu lassen.
Während wir Elternsein lernten, lief die Bürokratie weiter
Ganz verschwunden war der Leihmutterschaftsprozess mit der Geburt natürlich nicht.
Während wir versuchten, einen Rhythmus mit unserem Sohn zu finden, warteten wir gleichzeitig auf die Geburtsurkunde und die nächsten Dokumente. Erst danach konnten weitere Schritte für Pässe und unsere spätere Rückreise nach Deutschland beginnen.
Diese beiden Welten liefen eine Zeit lang parallel: auf der einen Seite Flaschen, Windeln und Nachtschichten, auf der anderen Geburtsurkunde, Apostillen, Konsulat und Reiseplanung.
Den bürokratischen Teil haben wir deshalb bewusst in einem eigenen Artikel ausführlich dokumentiert:
Leihmutterschaft USA: Dokumente, Pässe & Bürokratie nach der Geburt
Für unseren Alltag waren diese Dokumente wichtig. Wenn wir heute an die ersten Tage zurückdenken, sind es aber nicht die Formulare, die hängen geblieben sind.
Es ist diese kurze Fahrt vom Krankenhaus ins Airbnb.
Wann aus Verantwortung langsam Sicherheit wurde
Am Anfang fühlte sich fast jede Entscheidung neu an. Schon nach wenigen Tagen merkten wir aber, dass wir nicht mehr über jeden Handgriff nachdenken mussten.
Wir kannten langsam die Geräusche unseres Sohnes besser. Wir wussten, wo nachts alles lag. Wir hatten verstanden, wie wir uns abwechseln konnten. Und wir mussten nicht mehr bei jedem kleinen Moment überlegen, ob wir gerade alles richtig machten.
Nicht weil wir plötzlich wussten, wie Elternsein funktioniert.
Wir hatten einfach angefangen, unsere eigene Art davon zu finden.
Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zwischen den ersten Stunden im Krankenhaus und den Tagen danach. Im Krankenhaus hatten wir einen Sohn. Im Airbnb begannen wir langsam, einen Familienalltag zu entwickeln.
Die passende Podcastfolge
Über genau diese Tage habe ich auch im Papaarade-Podcast gesprochen: über die Entlassung, die ersten Stunden im Airbnb, unsere Nachtschichten und darüber, wie sich Verantwortung plötzlich ganz anders anfühlte als während des Kinderwunschprozesses.
Fünf Minuten, an die wir uns bis heute erinnern
Wenn wir heute an diese ersten Tage denken, ist die Fahrt vom Krankenhaus ins Airbnb für uns immer noch einer der klarsten Momente.
Fünf Minuten vorher gab es einen ganzen Krankenhausflur voller Menschen, die man fragen konnte. Danach standen wir mit unserem Sohn in einem fremden Zuhause auf Zeit und mussten selbst entscheiden, was als Nächstes passiert.
Wir hatten jahrelang unglaublich viel darüber gelernt, wie wir Eltern werden können.
Jetzt mussten wir herausfinden, wie wir Eltern sein wollen.
Für Robert gab es wenig später noch einen ganz bestimmten Moment, in dem dieses Vatersein nicht mehr nur Verantwortung war, sondern sich auch innerlich wirklich so anfühlte:
Der Moment, in dem ich wirklich verstanden habe, dass ich Vater bin
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