Als amerikanischer Vater in Deutschland: Was Vatersein hier für mich verändert hat

Veröffentlicht am 19. August 2026 um 08:22

Beim Kinderarzt lag ein Formular vor uns, auf dem ganz selbstverständlich nach Mutter und Vater gefragt wurde.

Wir sind zwei Väter.

Also habe ich „Mutter“ durchgestrichen und daraus Vater 1 und Vater 2 gemacht.

Niemand hat daraus ein Problem gemacht. Es gab keine große Diskussion und keinen Moment, in dem wir unsere Familie erklären mussten. Wir haben das Formular ausgefüllt und der Termin ging weiter.

Vielleicht ist mir diese Situation gerade deshalb geblieben.

Ich lebe seit vielen Jahren in Deutschland. Ich spreche Deutsch, habe hier gearbeitet, gehe hier wählen und mein Erwachsenenleben findet inzwischen fast vollständig hier statt. Trotzdem hat mich erst das Vaterwerden manche Unterschiede zwischen Deutschland und den USA wirklich verstehen lassen.

Nicht weil Eltern in einem Land ihre Kinder mehr lieben oder bessere Väter sind als im anderen.

Sondern weil sich plötzlich ganz praktische Fragen stellen: Wie viel Zeit darf ich nach der Geburt überhaupt zu Hause sein? Was erwartet mein Arbeitgeber? Wie selbstverständlich ist es, dass ein Vater tagsüber mit seinem Kind unterwegs ist? Und was passiert, wenn die eigene Familie nicht in die Felder auf einem Formular passt?

Seit wir Eltern sind, sehe ich mein Leben in Deutschland dadurch noch einmal anders.

Ich hatte vorher kaum darüber nachgedacht, dass ein Land mein Vaterbild beeinflussen könnte

Ich bin in den USA aufgewachsen und 2015 nach Deutschland gezogen.

Natürlich hatte ich vorher schon viele Unterschiede zwischen den beiden Ländern bemerkt. Manche waren oberflächlich, andere haben meinen Alltag tatsächlich verändert.

Vatersein gehörte für mich lange nicht dazu.

Als Martin und ich über unseren Kinderwunsch sprachen, beschäftigten mich andere Fragen. Wie können zwei Männer überhaupt Eltern werden? Welcher Familienweg passt zu uns? Wie wird sich unser Leben verändern? Was für ein Vater möchte ich sein?

Ich dachte dabei erstaunlich wenig darüber nach, wo ich Vater sein würde.

Heute erscheint mir das fast seltsam.

Denn als unser Sohn geboren wurde, war eine der ersten Erfahrungen meines Vaterseins unmittelbar mit Deutschland verbunden: Martin und ich konnten beide zunächst zu Hause bleiben.

Drei Monate, in denen Arbeit für uns beide einmal nicht der Mittelpunkt war

Wir waren die ersten drei Monate nach der Geburt beide in Elternzeit.

Die ersten Wochen davon verbrachten wir noch in Kalifornien. Danach kamen wir nach Deutschland zurück und hatten weiterhin Zeit, unseren Familienalltag gemeinsam aufzubauen.

Rückblickend war diese Zeit für mich prägender, als ich vorher erwartet hatte.

Ich musste nicht nach wenigen Tagen wieder in einen normalen Arbeitsrhythmus zurückkehren und versuchen, Vatersein um meinen Beruf herum zu organisieren. Wir konnten beide Nächte übernehmen, Flaschen machen, Termine wahrnehmen, Routinen ausprobieren und dabei herausfinden, wie wir als Eltern eigentlich funktionieren.

Das bedeutete nicht, dass wir danach automatisch alles gleich aufteilten. Bis heute haben Martin und ich unterschiedliche Rollen, Stärken und Tagesabläufe.

Aber ich war von Anfang an nicht der Vater, der nach der Arbeit zum Familienalltag dazukommt.

Ich war mittendrin.

Unsere konkrete Erfahrung mit Elternzeit erzählen wir ausführlicher in Elternzeit für Väter: Regeln & Erfahrungen.

Deutschland und die USA beginnen bei Elternzeit an sehr unterschiedlichen Punkten

In Deutschland können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer grundsätzlich bis zu drei Jahre Elternzeit pro Kind beanspruchen. Beide Eltern können Elternzeit gleichzeitig nehmen. Elternzeit selbst ist dabei zunächst der arbeitsrechtliche Anspruch auf Freistellung; Elterngeld ist die davon getrennte finanzielle Leistung.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Väter in Deutschland Elternzeit und Care-Arbeit bereits genauso übernehmen wie Mütter. 2025 erhielten nach Destatis rund 417.000 Männer Elterngeld. Ihre durchschnittlich geplante Bezugsdauer lag bei 3,8 Monaten, bei Frauen waren es 14,9 Monate.

In den USA gibt es auf Bundesebene für Arbeitnehmer außerhalb bestimmter Sonderregelungen keinen vergleichbaren allgemeinen Anspruch auf bezahlte Elternzeit. Der Family and Medical Leave Act ermöglicht berechtigten Beschäftigten bei erfassten Arbeitgebern bis zu zwölf Wochen arbeitsplatzgeschützte Familienzeit, diese ist nach Bundesrecht grundsätzlich unbezahlt. Bundesstaaten und Arbeitgeber können darüber hinaus weitergehende Leistungen anbieten.

Ich weiß nicht, wie Martin und ich unsere ersten Monate organisiert hätten, wenn unser Familienleben in den USA stattgefunden hätte. Dafür hängen Arbeitsplätze, Bundesstaat und persönliche Situation zu stark voneinander ab.

Ich weiß aber, dass der rechtliche Ausgangspunkt ein anderer gewesen wäre.

Erst als Vater habe ich verstanden, was diese Zeit praktisch verändert

Vor der Geburt hätte ich Elternzeit wahrscheinlich zuerst als Sozialleistung beschrieben.

Heute denke ich dabei an ganz andere Dinge.

An eine Flasche am Vormittag. An einen Kinderarzttermin mitten am Tag. An Nächte, in denen einer von uns gerade geschlafen hatte und der andere kaum noch wusste, wie spät es war. An die ersten Male, bei denen wir uns nicht sicher waren, ob eine neue Routine tatsächlich funktioniert oder ob wir nur Glück hatten.

Keines dieser Dinge ist spektakulär.

Aber genau daraus bestand Vatersein plötzlich.

Ich glaube, ich hätte die Bedeutung dieser Monate vorher unterschätzt, weil ich Zeit mit einem Kind gedanklich schnell mit „mehr Familienzeit“ verbunden habe. Tatsächlich ging es für mich viel stärker darum, Verantwortung überhaupt ausreichend oft zu erleben, bis sie normal wurde.

Wenn ich einen Termin organisieren muss, bin ich zuständig.

Wenn unser Sohn nachts aufwacht und ich dran bin, bin ich zuständig.

Wenn ich eine Situation falsch einschätze, kann ich nicht darauf warten, dass jemand anderes automatisch die bessere Antwort kennt.

Diese Selbstverständlichkeit hat mein Vaterbild stärker verändert als viele Gedanken, die ich mir vor der Geburt darüber gemacht hatte.

Im Video habe ich genau über diesen Unterschied gesprochen

In ‚What Americans Don’t Understand About Being a Dad in Germany‘ erzähle ich ausführlicher davon, wann mir diese Unterschiede zum ersten Mal im Alltag aufgefallen sind.

Es geht um Elternzeit, den Kinderarzt, Väter im deutschen Alltag und um eine Frage, die mich seitdem beschäftigt: Wie sehr entscheidet die Umgebung eigentlich mit, welche Form von Vatersein für uns praktisch möglich wird?

Im Video erzähle ich diese Situationen noch ausführlicher aus meiner amerikanischen Perspektive und spreche darüber, warum Deutschland meinen Blick auf Anwesenheit und Verantwortung als Vater verändert hat.

Väter unter der Woche waren für Martin weniger bemerkenswert als für mich

Nach unserer Rückkehr begann mir noch etwas aufzufallen.

Väter mit Kinderwagen. Väter beim Kinderarzt. Männer, die unter der Woche mit ihren Kindern unterwegs waren.

Ich will daraus keine große Aussage darüber machen, dass deutsche Väter grundsätzlich präsenter seien als amerikanische. Dafür wären meine persönlichen Beobachtungen eine ziemlich schlechte Datengrundlage, und auch die deutschen Zahlen zur Elternzeit zeigen weiterhin deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Interessant war eher meine eigene Reaktion.

Martin nahm viele dieser Situationen kaum als etwas Besonderes wahr.

Ich bemerkte sie.

Das passiert in unserer Beziehung immer wieder. Einer von uns hält etwas für völlig alltäglich und der andere merkt überhaupt erst daran, dass seine eigene Vorstellung anders geprägt wurde.

Seit wir Eltern sind, passiert das häufiger.

Und manche Unterschiede, die für mich vorher wie abstrakte Kulturunterschiede wirkten, landen plötzlich mitten in unserem Familienalltag.

Deutschland hat mir nicht beigebracht, wie man ein guter Vater ist

Das könnte kein Land.

Ich treffe genauso schlechte Entscheidungen, bin genauso müde und muss genauso oft neu lernen wie jeder andere Vater.

Was sich verändert hat, ist eher meine Vorstellung davon, wann Vatersein stattfindet.

Ich habe früher Arbeit und Familie gedanklich stärker als zwei Bereiche verstanden, die miteinander vereinbart werden müssen. Heute fällt es mir schwerer, Verantwortung für ein Kind als etwas zu betrachten, das außerhalb der „eigentlichen“ Arbeit stattfindet.

Die Monate zu Hause haben dabei sicher eine Rolle gespielt.

Wenn du tagsüber Termine machst, nachts aufstehst, Flaschen vorbereitest, Wäsche machst und dich mit deinem Partner darüber auseinandersetzt, wer gerade mehr Kapazität hat, fühlt sich Care-Arbeit irgendwann nicht wie eine zusätzliche Aufgabe an.

Sie ist einfach ein erheblicher Teil des Lebens.

Dass wir zwei Väter sind, macht das an manchen Stellen sogar besonders sichtbar. Bei uns gibt es keine Mutter, der gesellschaftlich automatisch bestimmte Aufgaben zugeschrieben werden könnten. Wir mussten vieles ohnehin miteinander aushandeln.

Wie wir Verantwortung heute tatsächlich verteilen, behandeln wir deshalb ausführlicher unter Zwei Papas & Vaterschaft.

Gleichzeitig merkt man als Zwei-Väter-Familie schnell, wo alte Vorstellungen noch sitzen

Dann liegt eben doch wieder dieses Formular vor einem.

Mutter.

Vater.

Unsere Familie funktioniert darin nur, wenn man etwas durchstreicht.

Solche Situationen erleben wir nicht ständig, und ich möchte sie auch nicht größer machen, als sie für uns waren. Gerade bei unserem Kinderarzt war die eigentliche Erfahrung sehr positiv.

Trotzdem sind diese kleinen Momente interessant.

Deutschland gibt Eltern arbeitsrechtlich viel Raum, unabhängig davon, ob die Person Mutter oder Vater ist. Gleichzeitig begegnen uns im Alltag noch Strukturen und Sprache, die offenbar zuerst an eine Familie mit einer Mutter und einem Vater denken.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Als Amerikaner sehe ich dabei manchmal zuerst, welche Möglichkeiten mir Deutschland als Vater eröffnet hat.

Als schwuler Vater sehe ich an anderen Stellen sehr schnell, wo Familien wie unsere noch nicht automatisch mitgedacht werden.

Für die rechtlichen und gesellschaftlichen Fragen dahinter ist unsere Themenwelt Regenbogenfamilie, Recht & Sichtbarkeit der bessere Einstieg.

Mein amerikanischer Hintergrund verschwindet dadurch nicht

Ich bin nicht nach Deutschland gezogen und irgendwann einfach deutsch geworden.

Meine Kindheit war amerikanisch. Meine Familie lebt teilweise in den USA. Viele meiner ersten Vorstellungen von Arbeit, Erfolg, Familie und Gesellschaft sind dort entstanden.

Und manches davon merke ich heute noch.

Gleichzeitig findet der größte Teil meines Erwachsenenlebens inzwischen in Deutschland statt.

Vaterwerden hat diese Verschiebung für mich viel deutlicher gemacht.

Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, welches Land ich angenehmer finde oder wo ich lieber arbeite. Martin und ich trafen Entscheidungen darüber, in welchem Umfeld wir unser Familienleben führen wollen.

Damit bekamen Dinge, über die ich vorher eher als Expat oder Partner nachgedacht hatte, eine neue Bedeutung.

Wie viel Zeit haben Eltern?

Welche Rolle wird Vätern zugetraut?

Wie viel Verantwortung erwartet ein System von Familien selbst, und wo unterstützt es sie?

Wie fühlt es sich an, mit einer Familie wie unserer durch diesen Alltag zu gehen?

Darauf gibt es keine einfache Deutschland-gegen-USA-Antwort.

Aber seit ich Vater bin, kann ich diese Fragen auch nicht mehr von meinem eigenen Leben trennen.

Auch Deutschland macht aus Vätern nicht automatisch gleichberechtigte Eltern

Das ist mir bei diesem Vergleich wichtig.

Es wäre sehr leicht, aus meiner positiven Erfahrung eine Geschichte zu machen, in der Deutschland die moderne Vaterschaft bereits gelöst hat.

Die Daten erzählen etwas anderes.

Männer beziehen Elterngeld weiterhin deutlich kürzer als Frauen. 2025 planten männliche Elterngeldbeziehende durchschnittlich 3,8 Monate, Frauen 14,9 Monate.

Ein gesetzliches Angebot verändert also nicht automatisch jede Familie, jeden Arbeitgeber oder jedes Rollenbild.

Trotzdem macht es einen Unterschied, welche Möglichkeiten überhaupt vorhanden sind.

Für mich persönlich war genau das entscheidend.

Ich musste in den ersten Monaten nicht begründen, warum ich als Vater eine zentrale Rolle im Alltag unseres Sohnes haben wollte.

Die Zeit dafür war vorgesehen.

Was Martin und ich anschließend daraus machen, ist unsere Verantwortung.

Vielleicht ist das die größte Veränderung in meinem Vaterbild

Vor der Geburt dachte ich häufig darüber nach, ob ich ein guter Vater sein würde.

Heute beschäftigt mich diese Frage viel weniger abstrakt.

Ich denke eher darüber nach, ob ich gerade wirklich meinen Teil übernehme. Ob unsere Aufteilung noch funktioniert. Ob ich ausreichend präsent bin, wenn ich zu Hause bin. Und ob ich bereit bin, Dinge anders zu machen, wenn sie nicht funktionieren.

Deutschland hat mir darauf keine Antworten gegeben.

Aber mein Leben hier hat mir die Möglichkeit gegeben, Vatersein von Anfang an sehr praktisch zu erleben.

Und ich glaube, genau das hatte ich vor unserem Sohn unterschätzt.

Man entwickelt diese Rolle nicht nur dadurch, dass man sich Gedanken darüber macht, welcher Vater man sein möchte.

Ein großer Teil entsteht schlicht dadurch, dass man da ist und Verantwortung übernimmt.

Wenn du von hier weitergehen möchtest

Wenn dich besonders interessiert, wie unsere ersten Monate Elternzeit konkret aussahen, findest du unsere Erfahrungen und die aktuellen deutschen Regeln unter Elternzeit für Väter.

Wie Martin und ich Verantwortung, Mental Load und unterschiedliche Vaterrollen heute leben, sammeln wir unter Zwei Papas & Vaterschaft.

Und wenn du Roberts amerikanische Perspektive auf unser Familienleben, Sprache, Zugehörigkeit und die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA weiterverfolgen möchtest, führt Deutschland & USA in diese Themenwelt.


Quellen

Für den rechtlichen Anspruch auf Elternzeit in Deutschland:

Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (BEEG), § 15

Für die aktuellen Zahlen zum Elterngeldbezug von Vätern und Müttern:

Statistisches Bundesamt: Elterngeld 2025

Für den bundesrechtlichen Rahmen zur Familienzeit in den USA:

U.S. Department of Labor: Family and Medical Leave Act

U.S. Department of Labor: FMLA Frequently Asked Questions

Daten- und Quellenstand: 19. August 2026