Manche Unterschiede zwischen Deutschland und den USA merken wir daran, dass einer von uns überhaupt bemerkt, dass etwas ungewöhnlich ist.
Robert sieht zum Beispiel einen Vater an einem Werktag mit Kinderwagen und nimmt die Situation bewusst wahr. Oder er beobachtet ältere Kinder, die allein unterwegs sind, und denkt darüber nach, wie selbstverständlich das hier wirkt.
Für Martin braucht manches davon gar keine Erklärung.
Das ist wahrscheinlich eine der interessantesten Seiten daran, als Amerikaner und Deutscher gemeinsam Familie zu leben. Derselbe Alltag kann sich für einen von uns vollkommen normal und für den anderen kulturell auffällig anfühlen.
Je länger wir zusammen sind, desto vorsichtiger sind wir allerdings mit der Erklärung: „Das ist eben deutsch“ oder „Das ist typisch amerikanisch.“
Manchmal stimmt das.
Manchmal sind wir einfach Martin und Robert.
Viele unserer Unterschiede haben mit unseren Ländern überhaupt nichts zu tun
Wir sind seit vielen Jahren ein Paar. In dieser Zeit haben wir uns schon über genug Dinge unterschiedlich geäußert, entschieden oder geärgert, um zu wissen, dass man nicht jede Meinungsverschiedenheit mit zwei Nationalflaggen erklären sollte.
Martin ist anders aufgewachsen als Robert. Natürlich prägt das.
Aber wir haben auch unterschiedliche Persönlichkeiten, Familiengeschichten, Gewohnheiten und Vorstellungen davon, wie wir Dinge organisieren wollen.
Gerade seit wir Väter sind, wird die Grenze manchmal interessant.
Was haben wir aus unseren Herkunftsfamilien mitgenommen?
Was ist tatsächlich kulturell?
Und was entsteht erst jetzt, weil wir gemeinsam herausfinden müssen, wie unsere Familie funktionieren soll?
Eine eindeutige Antwort gibt es darauf erstaunlich selten.
Vatersein war einer der ersten Unterschiede, der für uns praktisch wurde
Vor unserem Sohn konnten wir uns sehr lange über Unterschiede zwischen Deutschland und den USA unterhalten, ohne dass daraus zwangsläufig eine Entscheidung für unseren eigenen Alltag entstand.
Mit dem Vaterwerden änderte sich das.
Martin und Robert konnten die ersten drei Monate beide zu Hause bleiben. Dadurch war Elternzeit nicht nur etwas, das Robert theoretisch am deutschen System interessant fand. Wir mussten tatsächlich entscheiden, wie wir diese Monate nutzen, wie wir Nächte organisieren und wie wir Verantwortung verteilen.
Für Robert war dabei besonders auffällig, wie selbstverständlich die Möglichkeit, als Vater längere Zeit aus dem Beruf auszusteigen, überhaupt vorgesehen ist.
Der strukturelle Unterschied zwischen beiden Ländern ist real: In Deutschland können anspruchsberechtigte Arbeitnehmer pro Kind bis zu drei Jahre Elternzeit nehmen. Der bundesrechtliche Family and Medical Leave Act in den USA gibt berechtigten Beschäftigten dagegen bis zu zwölf Wochen arbeitsplatzgeschützte Familienzeit, die nach Bundesrecht grundsätzlich unbezahlt ist. Bundesstaaten und Arbeitgeber können darüber hinaus eigene Leistungen vorsehen.
Was das für Robert persönlich mit Vatersein gemacht hat, erzählen wir ausführlicher an anderer Stelle.
Als amerikanischer Vater in Deutschland: Was Vatersein hier für mich verändert hat
Uns interessiert hier etwas anderes: Was passiert, wenn solche unterschiedlichen Ausgangspunkte irgendwann Teil desselben Haushalts werden?
Bei uns entsteht daraus kein deutsches und kein amerikanisches Elternteil.
Wir müssen trotzdem gemeinsam entscheiden, was für uns funktioniert.
Bei Selbstständigkeit schaut Robert bis heute anders hin
Ein Bereich, bei dem Robert Deutschland sehr bewusst wahrnimmt, ist der Umgang mit Selbstständigkeit von Kindern.
Kinder allein auf dem Schulweg, auf dem Fahrrad oder mit mehr Bewegungsfreiheit auf einem Spielplatz fallen ihm auf. Nicht jedes Mal und nicht überall, aber häufig genug, dass er schon vor unserem eigenen Vaterwerden darüber nachgedacht hat.
Dabei geht es weniger darum, ob deutsche Eltern „lockerer“ und amerikanische Eltern „ängstlicher“ sind.
So einfach ist es nicht.
Unser Sohn ist außerdem noch ein Baby. Wir können heute überhaupt nicht aus eigener Erfahrung erzählen, wie viel Freiheit wir ihm später auf dem Schulweg oder beim Spielen geben werden.
Was Robert spannend findet, ist die Vorstellung, dass Selbstständigkeit vorbereitet werden kann: einen Weg gemeinsam üben, Verkehr verstehen lernen, etwas erst zusammen machen und irgendwann alleine.
Auch deutsche Forschung zur selbstständigen Mobilität von Grundschulkindern zeigt, wie stark solche Entscheidungen von Alter, Weg, Wohnumfeld und der Einschätzung der Eltern abhängen. Selbst innerhalb Deutschlands gibt es also nicht den einen Umgang damit.
Das klingt selbstverständlich. Bei Kulturvergleichen geht diese Selbstverständlichkeit aber schnell verloren.
Ein Video über Deutschland, bei dem uns die Kommentare weitergebracht haben
Robert hat auf YouTube ausführlicher darüber gesprochen, warum ihn die Selbstständigkeit von Kindern in Deutschland beschäftigt:
„What Americans misunderstand about child independence in Germany“
Interessant waren für uns anschließend auch die Reaktionen.
Mehrere amerikanische Zuschauer beschrieben ihre eigene Kindheit in den USA als deutlich selbstständiger, als Robert es aus heutigen Beobachtungen kannte. Kinder waren allein mit dem Fahrrad unterwegs, gingen ohne Erwachsene in Geschäfte oder verbrachten viel mehr Zeit unbeaufsichtigt draußen.
Das hat den Vergleich für uns besser gemacht.
Denn plötzlich ging es nicht mehr nur um Deutschland und die USA.
Es ging auch um Generationen, Wohnorte, Infrastruktur und darum, wie sich Vorstellungen von Sicherheit verändern können.
Genau solche Rückmeldungen sind hilfreich, weil sie einen schnellen Kulturvergleich komplizierter machen.
Und meistens wird er dadurch interessanter.
Forschung findet Unterschiede, aber keine zwei gegensätzlichen Arten von Eltern
Auch wissenschaftlich wäre es zu einfach, von „deutscher Erziehung“ und „amerikanischer Erziehung“ zu sprechen, als wären das zwei fertige Modelle.
Eine Untersuchung von Eltern-Kind-Interaktionen mit deutschen und amerikanischen Kleinkindern fand Unterschiede in einzelnen Bereichen der Interaktion, zugleich aber viele Gemeinsamkeiten. Die Autoren beschreiben die festgestellten kulturellen Unterschiede ausdrücklich als begrenzt und differenziert.
Andere vergleichende Forschung zeigt, dass auch die Aufteilung von Erwerbs- und Hausarbeit nach der Geburt von institutionellen Bedingungen und gesellschaftlichen Normen beeinflusst wird, ohne dass deshalb alle Familien innerhalb eines Landes gleich handeln.
Was wir daraus für unsere eigenen Vergleiche mitnehmen
Wenn Robert etwas in Deutschland auffällt, ist das zunächst seine Beobachtung.
Wenn Martin etwas aus seiner deutschen Kindheit selbstverständlich findet, beschreibt das zunächst Martins Erfahrung.
Beides kann einen größeren kulturellen Zusammenhang haben. Es muss aber nicht für Millionen andere Familien genauso gelten.
Deshalb interessieren uns Unterschiede dort am meisten, wo wir sie tatsächlich in unserem eigenen Leben bemerken.
Auch als zwei Papas nimmt Robert manche Situationen anders wahr
Seit wir mit unserem Sohn unterwegs sind, ist noch eine weitere Ebene dazugekommen.
Für Robert gibt es Situationen, in denen ihm auffällt, dass niemand auf uns reagiert.
Das klingt zunächst merkwürdig.
Zwei Männer stehen mit einem Baby beim Einkaufen oder bei einem Termin. Jemand spricht mit uns, vielleicht geht es kurz um das Baby, und danach geht jeder weiter.
Für Martin kann so ein Moment einfach ein normaler Alltag sein.
Robert nimmt die Normalität manchmal bewusster wahr, weil er aus seinem eigenen Aufwachsen in den USA ein stärkeres inneres Prüfen von Situationen kennt: Wie wird jemand reagieren, wenn klar wird, dass mein Partner ein Mann ist?
Diese Erfahrung lässt sich nicht auf „Amerika“ insgesamt übertragen. Robert ist zu einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Region und in einer bestimmten Familie aufgewachsen. Auch die USA bestehen aus vollkommen unterschiedlichen gesellschaftlichen Erfahrungen.
Trotzdem gehört diese Prägung zu seinem Blick auf unseren Alltag in Deutschland.
Seit wir Eltern sind, bekommt sie noch einmal eine andere Bedeutung. Wir erleben unsere Familie nicht mehr nur als Paar, sondern bewegen uns selbstverständlich als zwei Väter durch einen Alltag, der meistens viel unspektakulärer ist, als Robert früher vielleicht erwartet hätte.
Das bedeutet nicht, dass Regenbogenfamilien in Deutschland keine Diskriminierung erleben oder dass hier alles perfekt wäre.
Für Robert ist nur bemerkenswert, wie häufig unsere Familienform im Alltag überhaupt kein Ereignis ist.
Regenbogenfamilie, Recht & Sichtbarkeit
Sprache verändert ebenfalls, was einer von uns überhaupt bemerkt
Zwischen uns spielt natürlich auch Sprache eine Rolle.
Robert spricht Deutsch und lebt seit 2015 in Deutschland. Trotzdem gibt es kulturelle Referenzen aus Kindheit, Schule oder Alltag, bei denen Martin einen Vorsprung hat, den man nicht einfach mit einem Sprachkurs aufholt.
Andersherum bringt Robert Erinnerungen und Selbstverständlichkeiten aus den USA mit, die Martin nicht aus eigener Erfahrung kennt.
Seit wir Familie sind, wird das interessanter.
Denn irgendwann geht es nicht mehr nur darum, welche Sprache jemand besser versteht. Es geht auch darum, welche Geschichten, Traditionen oder Vorstellungen für einen von uns schon immer selbstverständlich waren und für den anderen erst erklärt werden müssen.
Robert hat erst nach vielen Jahren in Deutschland gemerkt, wie sehr sich dabei auch sein eigenes Gefühl von Zugehörigkeit verändert hat.
Amerikaner in Deutschland: Wann Deutschland für mich Zuhause wurde
Unser Sohn ist noch ein Baby. Vieles können wir heute schlicht noch nicht beurteilen
Das ist uns bei diesem Thema besonders wichtig.
Wenn man online nach Deutschland und USA sucht, landet man schnell bei großen Aussagen über Erziehung.
Wie deutsche Kinder essen.
Wie amerikanische Eltern loben.
Wie viel Freiheit Kinder bekommen.
Wie Schule funktioniert.
Wie Eltern mit Teenagern umgehen.
Über manches davon können wir Beobachtungen haben. Aus unserem eigenen Familienalltag können wir über vieles davon aber noch nichts Seriöses erzählen.
Wir wissen nicht, wie wir reagieren werden, wenn unser Sohn irgendwann allein irgendwohin möchte.
Wir wissen nicht, welche Fragen Schule bei uns auslösen wird.
Und wir wissen noch nicht, bei welchen Themen Martin und Robert später tatsächlich unterschiedlich denken werden.
Es wäre seltsam, heute schon so zu schreiben, als hätten wir diese Jahre erlebt.
Was wir jetzt merken, sind die ersten Stellen, an denen unterschiedliche Prägungen sichtbar werden.
Das reicht uns vorerst.
Besonders spannend wird es dort, wo keiner von uns einfach recht hat
Das ist wahrscheinlich der Teil unserer deutsch-amerikanischen Familie, den wir am meisten mögen.
Robert kann etwas in Deutschland sehen und zunächst denken, dass es offensichtlich anders sei als in den USA.
Martin kann dieselbe Situation vollkommen unspektakulär finden.
Und manchmal verändert sich der Blick anschließend noch einmal.
Vielleicht stellt sich heraus, dass Robert gar keinen Deutschland-USA-Unterschied gesehen hat, sondern einen Unterschied zwischen seiner amerikanischen Kindheit und Martins deutscher Kindheit.
Vielleicht liegt es an München.
Vielleicht an Bayern.
Vielleicht an der Generation.
Oder vielleicht sind wir einfach zwei Männer, die dieselbe Situation unterschiedlich beurteilen.
Nicht alles muss kulturell erklärt werden.
Für unsere Familie müssen wir am Ende ohnehin selbst entscheiden
Wir möchten unseren Familienalltag nicht danach aufbauen, welche Gewohnheit als besonders deutsch oder besonders amerikanisch gilt.
Dass wir unterschiedlich geprägt wurden, gehört trotzdem zu uns.
Robert bringt seine Kindheit in den USA, seine Familie und seine Erfahrungen von dort mit. Martin bringt seine eigene Kindheit und sein Leben in Deutschland mit. Dazu kommen die vielen Jahre, in denen wir längst gemeinsame Erfahrungen gesammelt haben.
Vaterwerden macht manche Unterschiede sichtbarer, aber es zwingt uns auch dazu, uns nicht auf ihnen auszuruhen.
Wenn wir bei etwas unterschiedliche erste Reflexe haben, müssen wir miteinander reden.
Nicht darüber, welches Land recht hat.
Sondern darüber, wie wir es in unserer Familie machen wollen.
Und wahrscheinlich wird sich genau diese Antwort noch oft verändern.
Wenn du von hier weitergehen möchtest
Wenn dich besonders interessiert, warum Vatersein in Deutschland für Robert anders wurde, als er es aus seiner amerikanischen Prägung erwartet hatte, lies weiter bei:
Als amerikanischer Vater in Deutschland: Was Vatersein hier für mich verändert hat
Wie sich Roberts Verhältnis zu Deutschland selbst über die Jahre verändert hat, erzählen wir hier:
Amerikaner in Deutschland: Wann Deutschland für mich Zuhause wurde
Alle unsere Artikel über deutsch-amerikanisches Familienleben, Sprache, Zugehörigkeit und Reisen sammeln wir hier:
Quellen
Familienportal des Bundes: Elternzeit
Aktueller rechtlicher Rahmen und Dauer der Elternzeit.
U.S. Department of Labor: Family and Medical Leave Act (FMLA)
Bundesrechtlicher Rahmen für arbeitsplatzgeschützte Familienzeit in den USA.
Scheiner et al.: Children's independent travel to and from primary school
Studie zur selbstständigen Mobilität von Grundschulkindern und den Faktoren, die sie beeinflussen.
Gartstein et al.: Similarities and differences between western cultures: Toddler temperament and parent-child interactions in the United States and Germany
Vergleichende Untersuchung deutscher und amerikanischer Eltern-Kind-Interaktionen.
Fan: Becoming a parent: Trajectories of family division of labor in Germany and the United States
Vergleichende Analyse zur Entwicklung von Erwerbs- und Hausarbeit nach dem Übergang zur Elternschaft.
DATEN- UND QUELLENSTAND: 19. AUGUST 2026