Selbstzweifel als werdender Vater: Was dahinterstecken kann und was hilft

Veröffentlicht am 13. Oktober 2025 um 18:24
Ein nachdenklicher werdender Vater sitzt in einem warm beleuchteten Kinderzimmer, stützt den Kopf mit der Hand und wirkt besorgt; im Hintergrund stehen ein weißes Babybett und ein Regal.

Werde ich ein guter Vater sein?

Diese Frage lässt sich vor der Geburt erstaunlich schlecht beantworten.

Man kann sich informieren, überlegen, wie man Aufgaben verteilen möchte, über Erziehung sprechen und ziemlich genaue Vorstellungen davon entwickeln, was für ein Vater man einmal sein will. Trotzdem bleibt irgendwann die Tatsache, dass man etwas plant, das man noch nie erlebt hat.

Auch auf unserem Weg zur Elternschaft gab es diese Fragen. Wie werden wir reagieren, wenn unser Kind tatsächlich da ist? Werden wir ruhig genug bleiben, wenn etwas nicht funktioniert? Wie verändert ein Kind unsere Beziehung? Und was passiert, wenn die Vorstellung, die wir von uns als Vätern haben, mit dem tatsächlichen Alltag nicht zusammenpasst?

Heute können wir vieles davon aus einer anderen Perspektive betrachten, weil wir inzwischen Väter sind.

Eine der überraschenderen Erkenntnisse: Sehr viele Fragen, die sich vorher riesig angefühlt haben, wurden nicht durch eine große Erkenntnis beantwortet. Wir mussten irgendwann einfach anfangen, Eltern zu sein.

Warum die Zeit vor dem Vaterwerden verunsichern kann

Die Forschung kennt Unsicherheit und Angst während des Übergangs zur Vaterschaft durchaus.

Eine Meta-Analyse von 23 Studien mit insgesamt mehr als 40.000 Teilnehmern kam für perinatale Angst bei Vätern auf eine durchschnittliche Prävalenz von rund 10,7 Prozent. Die Ergebnisse der einzelnen Studien unterschieden sich allerdings stark, weshalb daraus keine einfache Zahl für „den werdenden Vater“ werden sollte.

Eine neuere Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 wertete 37 qualitative Studien zur psychischen Gesundheit von Vätern während des Übergangs zur Elternschaft aus. Wiederkehrende Themen waren unter anderem Unsicherheit über die neue Rolle, Veränderungen in der Partnerschaft, das Gefühl, im Versorgungssystem eher am Rand zu stehen, und der Umgang mit traditionellen Vorstellungen davon, wie ein Mann oder Vater mit Belastung umgehen sollte.

Das passt zu einer älteren systematischen Übersichtsarbeit über erstmalige Väter. Auch dort gehörten die Entwicklung einer neuen Vateridentität, konkurrierende Anforderungen sowie Ängste und negative Gefühle zu den zentralen Themen während des Übergangs zur Elternschaft.

Man muss also aus Selbstzweifeln vor der Geburt nicht automatisch schließen, dass etwas mit einem nicht stimmt.

Gleichzeitig würden wir auch nicht jede starke oder anhaltende Angst einfach als normalen Bestandteil des Vaterwerdens abtun. Dazu später mehr.

Bei uns war Vaterwerden lange etwas, auf das wir hinarbeiteten

Unser eigener Weg unterscheidet sich von einer Schwangerschaft, die im gemeinsamen Zuhause stattfindet.

Zwischen Kinderwunsch und Geburt lagen bei uns unter anderem die Auswahl unserer genetischen Mutter, die medizinische Entstehung der Embryonen, das Matching mit unserer Tragemutter, der Embryotransfer und schließlich die Schwangerschaft in Kalifornien.

Wir hatten dadurch sehr viele konkrete Schritte, um die wir uns kümmern konnten.

Die wesentlich einfachere Frage war schwieriger zu planen: Wie werden wir eigentlich sein, wenn wir tatsächlich Väter sind?

Wir hatten natürlich Vorstellungen davon. Robert beschäftigte die Frage, wie emotional präsent er als Vater sein würde. Martin dachte darüber nach, wie viel Ruhe und Sicherheit er in den Familienalltag mitbringen würde.

Heute wissen wir, dass sich solche Eigenschaften nicht vor der Geburt abschließend testen lassen.

Man kann über sie nachdenken. Man kann sich vorbereiten. Aber irgendwann entstehen Vaterrolle und Beziehung zum eigenen Kind im tatsächlichen Zusammenleben.

Unseren medizinischen Weg bis zur Entstehung der Embryonen erzählen wir separat im Beitrag über Eizellspende, Samenproben und Embryonenschaffung. Wenn dich stärker interessiert, welche Wege schwule Männer überhaupt zur Elternschaft haben, führt Erfahrungen schwuler Väter weiter.

Die Vorstellung vom „guten Vater“ kann selbst Druck erzeugen

Es gibt heute viel mehr Raum für ein Vaterbild, das über finanzielle Versorgung hinausgeht. Viele Männer möchten präsent sein, Care-Arbeit übernehmen, eine enge Beziehung zum Kind aufbauen und Elternschaft partnerschaftlich leben.

Das finden wir grundsätzlich positiv.

Nur kann daraus ziemlich schnell die nächste Idealfigur entstehen.

Dann müsste ein guter Vater geduldig und emotional erreichbar sein, Verantwortung selbstverständlich sehen, beruflich trotzdem funktionieren, seinem Partner gerecht werden und möglichst schon vor der Geburt wissen, wie er all das miteinander verbinden wird.

Aus unserer heutigen Perspektive ist das eine ziemlich hohe Erwartung an jemanden, der diese Rolle noch gar nicht erlebt hat.

Wir würden die Frage „Werde ich ein guter Vater?“ deshalb inzwischen etwas kleiner machen.

Was genau macht mir gerade Sorgen?

Vielleicht geht es um Geld. Vielleicht um die eigene Kindheit und die Frage, was man davon übernehmen möchte. Vielleicht um die Beziehung. Um Schlaf, Arbeit, Verantwortung oder darum, ob man überhaupt eine natürliche Verbindung zum eigenen Kind entwickeln wird.

Mit einer konkreten Sorge lässt sich meistens besser umgehen als mit dem großen Urteil darüber, ob man zum Vatersein geeignet ist.

Wissen kann beruhigen und trotzdem irgendwann zu viel werden

Wir haben auf unserem Weg sehr viel recherchiert. Bei einer internationalen Tragemutterschaft war das teilweise schlicht notwendig.

Aber Information hat Grenzen.

Auch eine aktuelle qualitative Studie über das Vaterwerden beschreibt, dass digitale Informationen Vätern helfen können, Strategien und Orientierung zu finden, gleichzeitig aber auch neue Unsicherheit auslösen können.

Das kennen wir grundsätzlich gut: Irgendwann findet man nicht mehr die Antwort, sondern fünf weitere Dinge, über die man sich Gedanken machen könnte.

Vorbereitung fanden wir trotzdem wichtig. Wir würden nur nicht mehr versuchen, durch möglichst viel Wissen das Gefühl herzustellen, für jede Situation bereit zu sein.

Das funktioniert mit einem Kind ohnehin nicht besonders lange.

Mit dem anderen Elternteil über Erwartungen zu sprechen hat uns mehr gebracht

Vor der Geburt kann man erstaunlich viel darüber reden, welches Kinderbett man möchte oder was in den Wickelrucksack gehört.

Die interessanteren Gespräche betreffen häufig Dinge, für die es keine Einkaufsliste gibt.

Wie stellen wir uns Nächte vor? Was heißt für jeden von uns eigentlich faire Verantwortung? Was passiert, wenn einer stärker erschöpft ist? Wie wichtig ist uns Arbeit? Wie reagieren wir, wenn einer etwas völlig anders macht als der andere?

Auch darauf hatten wir nicht überall eine endgültige Antwort.

Das mussten wir aber auch nicht.

Hilfreicher war, dass solche Fragen zwischen uns überhaupt besprechbar waren.

Forschung zum Übergang zur Vaterschaft weist ebenfalls darauf hin, dass soziale Unterstützung relevant ist. Eine aktuelle Meta-Analyse fand unter anderem einen Zusammenhang zwischen geringerer wahrgenommener sozialer Unterstützung und stärkerer pränataler Angst bei Vätern.

Das bedeutet nicht, dass ein Gespräch mit dem Partner jede Angst löst. Aber man muss die neue Rolle auch nicht vollständig im eigenen Kopf vorbereiten.

Die eigene Kindheit darf dabei auftauchen

Vaterwerden kann auch den Blick auf den eigenen Vater oder die eigene Kindheit verändern.

Manche Dinge möchte man gerne weitergeben. Andere ganz bewusst nicht.

Daraus kann schnell der Anspruch entstehen, es diesmal unbedingt „richtig“ machen zu müssen.

Wir finden inzwischen eine andere Vorstellung hilfreicher: Man muss vor der Geburt nicht bereits die perfekte Gegenantwort auf die eigene Biografie gefunden haben.

Elternschaft wird genügend Situationen liefern, in denen alte Muster, Erwartungen oder empfindliche Punkte plötzlich auftauchen.

Dann kann man hinschauen.

Eine eigene Vaterrolle entsteht nicht nur daraus, was man sich vorher vorgenommen hat. Viel davon entwickelt sich erst dadurch, dass man immer wieder tatsächlich Verantwortung übernimmt.

Diesen Gedanken vertiefen wir in Die Vaterrolle verstehen: Was moderne Männer heute wirklich erwartet.

Wann aus Selbstzweifeln eine Belastung wird

Zwischen „Ich frage mich, ob ich das schaffen werde“ und einer Angst, die den Alltag zunehmend bestimmt, liegt ein wichtiger Unterschied.

Starke Ängste sollte man nicht einfach deshalb hinnehmen, weil eine Geburt bevorsteht. Das Bundesgesundheitsportal empfiehlt professionelle Unterstützung unter anderem dann, wenn Ängste die Lebensqualität deutlich einschränken, sehr viel Raum im Alltag einnehmen oder Beziehungen und Arbeit ernsthaft beeinträchtigen. Hausärztliche oder psychotherapeutische Praxen können erste Anlaufstellen sein.

Auch die Forschung zu Vätern unterscheidet deshalb zwischen den normalen Unsicherheiten eines großen Lebensübergangs und klinisch relevanter Angst oder anderen psychischen Belastungen. Perinatale Angst kann bei Vätern mit weiteren psychischen Belastungen zusammenhängen und sich auch nach der Geburt fortsetzen.

Wenn sich Sorgen dauerhaft kaum kontrollieren lassen oder das Leben stark einschränken, würden wir deshalb nicht versuchen, sie mit noch mehr Vorbereitung oder Selbstoptimierung allein zu lösen.

Was wir einem werdenden Vater heute eher sagen würden

Wahrscheinlich nicht: Mach dir keine Sorgen.

Das wäre weder besonders hilfreich noch realistisch.

Wir würden eher fragen, wovor genau du gerade Angst hast.

Manche Sorgen lassen sich praktisch angehen. Informationen können fehlen, eine finanzielle Frage muss geklärt werden oder mit dem Partner steht ein Gespräch aus.

Andere Unsicherheiten haben keine Lösung vor der Geburt. Niemand kann dir garantieren, dass du immer geduldig sein wirst. Niemand weiß vorher, wie sich die erste Nacht mit einem Kind anfühlt oder wie genau sich die Beziehung verändert.

Das ist unangenehm, aber auch ein Teil des Übergangs.

Wir mussten irgendwann akzeptieren, dass Vorbereitung uns nicht zu fertigen Vätern machen würde.

Und dann ist das Kind tatsächlich da

Vor der Geburt dachten wir viel darüber nach, wer wir als Väter sein würden.

Nach der Geburt wurden die Fragen konkreter.

Wer steht jetzt auf? Warum funktioniert das, was gestern geholfen hat, heute überhaupt nicht? Wie merkt man eigentlich, dass man selbst gerade eine Pause braucht? Und was machen wir, wenn wir beide dieselbe Situation vollkommen unterschiedlich einschätzen?

Das hat einen Teil unserer früheren Selbstzweifel nicht widerlegt, sondern schlicht ersetzt.

Vatersein wurde weniger zu einer Vorstellung von uns selbst und mehr zu dem, was wir jeden Tag tatsächlich tun.

Genau deshalb würden wir heute auch nicht behaupten, dass Zweifel vor dem Vaterwerden zeigen, dass einem die Familie „besonders wichtig“ ist. Das klingt tröstlich, ist aber zu einfach. Manche Menschen zweifeln viel, andere wenig.

Entscheidend ist nicht, wie überzeugend man sich vor der Geburt als zukünftiger Vater fühlt.

Man muss irgendwann anfangen.

Wenn du von hier weitergehen möchtest

Wenn dich vor allem beschäftigt, welche Art von Vater du sein möchtest, führt unser Beitrag Die Vaterrolle verstehen weiter.

Wie sich unsere Vorstellungen nach der Geburt im tatsächlichen Alltag verändert haben, erzählen wir unter Zwei Papas & Vaterschaft. Dort geht es unter anderem um Elternzeit, Mental Load und die unterschiedlichen Rollen, die sich zwischen uns entwickelt haben.

Für schwule Männer kommt manchmal noch eine andere Ebene hinzu: das Gefühl, nicht nur als Vater, sondern gleichzeitig als Teil einer Zwei-Väter-Familie beurteilt zu werden. Das behandeln wir bewusst separat in Unsicher als schwuler Vater: Druck, Erwartungen und innere Stärke.

Und wenn die Frage zunächst lautet, wie schwule Männer überhaupt Väter werden können, ist Erfahrungen schwuler Väter der passendere Einstieg.

Häufige Fragen zu Selbstzweifeln vor dem Vaterwerden

Sind Selbstzweifel als werdender Vater ungewöhnlich?

Nein. Forschung zum Übergang zur Vaterschaft beschreibt Unsicherheit, Ängste und Fragen zur neuen Rolle wiederholt als Teil der Erfahrungen werdender und neuer Väter. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede starke oder anhaltende Angst einfach ignoriert werden sollte.

Wie häufig erleben Väter während Schwangerschaft und erster Zeit nach der Geburt Angst?

Eine Meta-Analyse von 23 Studien mit 40.124 Teilnehmern schätzte die Prävalenz perinataler Angst bei Vätern auf rund 10,7 Prozent. Die Ergebnisse der einzelnen Studien waren sehr unterschiedlich, weshalb die Zahl eher als Größenordnung denn als Wert für jeden Kontext verstanden werden sollte.

Was kann bei Selbstzweifeln helfen?

Uns hat geholfen, aus der großen Frage „Werde ich ein guter Vater?“ konkrete Sorgen zu machen und darüber miteinander zu sprechen. Forschung weist außerdem auf die Bedeutung sozialer Unterstützung während des Übergangs zur Vaterschaft hin.

Was, wenn ich Angst habe, kein guter Vater zu werden?

Diese Frage kann vor der Geburt niemand endgültig beantworten. Man kann sich mit den eigenen Erwartungen auseinandersetzen und sich vorbereiten. Vieles an Vatersein entsteht aber erst in der Beziehung zum tatsächlichen Kind und im Familienalltag.

Wann sollte ich mir professionelle Unterstützung suchen?

Wenn Angst dauerhaft viel Raum einnimmt, den Alltag deutlich beeinträchtigt oder Beziehungen beziehungsweise Arbeit darunter leiden, sollte sie fachlich abgeklärt werden. Erste Ansprechpartner können die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Praxis sein.

Was wir heute anders über diese Zweifel denken

Vor unserem Sohn konnten wir Vatersein nur vorausdenken.

Heute wissen wir, dass ein großer Teil davon nicht vorausgedacht werden konnte.

Wir haben Dinge anders gemacht als geplant. Manche Vorstellungen haben sich bestätigt, andere nicht. Es gibt Situationen, in denen wir uns sicher fühlen, und andere, bei denen wir erst einmal herausfinden müssen, was gerade richtig ist.

Die Frage „Werde ich ein guter Vater?“ ist dadurch nicht völlig verschwunden.

Sie hat nur eine andere Form bekommen.

Heute lautet sie viel häufiger: Habe ich gerade wirklich hingeschaut, was mein Kind oder meine Familie braucht, und bin ich bereit, etwas zu ändern, wenn es nicht funktioniert?

Damit können wir wesentlich mehr anfangen.

Daten- und Quellenstand: 18. August 2026


Quellen

Für die Forschung zum Übergang zur Vaterschaft und zur psychischen Gesundheit werdender Väter stützen wir uns insbesondere auf die Meta-Analyse von Leiferman et al. (2021), „Anxiety among fathers during the prenatal and postpartum period“, die 23 Studien mit insgesamt 40.124 Teilnehmern auswertete.

Leiferman et al. (2021) bei PubMed

Eine aktuelle qualitative Einordnung bietet Watkins et al. (2024), „Exploration of fathers' mental health and well-being concerns during the transition to fatherhood, and paternal perinatal support“. Der Scoping Review umfasste 37 qualitative Studien.

Watkins et al. (2024) bei PubMed

Für Faktoren, die mit perinataler Angst bei Vätern zusammenhängen, verwenden wir außerdem die 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von Sobol et al.

Sobol et al. (2026) bei PubMed

Zur Einordnung, wann Ängste professionelle Unterstützung verdienen, orientieren wir uns an den Informationen des Bundesgesundheitsportals gesund.bund.de.

Mit Angst umgehen – gesund.bund.de

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