Ich hatte lange gedacht, der entscheidende Moment würde die Geburt sein.
Wir hatten Jahre darauf hingearbeitet, Eltern zu werden. Wir waren durch den gesamten Prozess der Tragemutterschaft gegangen, hatten Entscheidungen getroffen, Gespräche geführt, gelesen, geplant und uns vorgestellt, wie es wohl sein würde, wenn unser Sohn tatsächlich da ist.
Und natürlich war seine Geburt überwältigend.
Trotzdem kam der Moment, in dem ich mich wirklich als Vater begriffen habe, erst etwas später.
Ich trug unseren Sohn im Autositz durch einen Krankenhausflur Richtung Ausgang. Wir waren auf dem Weg zu unserem Airbnb in Kalifornien. Als ich durch die Tür ging, fiel mir plötzlich auf, dass niemand mehr hinter uns herkam.
Keine Pflegekraft. Kein Arzt. Niemand, der noch einmal kontrollierte, ob alles in Ordnung war.
Wir durften einfach gehen.
Mit unserem Sohn.
Und genau dort hat sich für mich etwas verändert.
Bis zur Ausgangstür war immer noch jemand da
Die Tage im Krankenhaus hatten eine Struktur.
Es gab Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Untersuchungen und Abläufe. Selbst nachdem unser Sohn geboren war und wir ihn längst im Arm hielten, waren wir noch Teil dieses Systems.
Wenn etwas gewesen wäre, hätten wir jemanden fragen können.
Natürlich wussten wir, dass wir irgendwann das Krankenhaus verlassen würden. Der Autositz war vorbereitet, das Airbnb organisiert und wir hatten uns mit allem beschäftigt, von dem wir dachten, dass wir es in den ersten Tagen brauchen würden.
Aber Vorbereitung und tatsächliche Verantwortung fühlten sich plötzlich sehr unterschiedlich an.
Ich weiß noch, wie ich durch diesen Flur gelaufen bin und gemerkt habe: Jetzt gehen wir tatsächlich mit ihm.
Das war keine Panik. Es war auch kein großer emotionaler Ausbruch.
Es war eher eine sehr nüchterne Erkenntnis.
Ab jetzt sind wir diejenigen, die entscheiden müssen.
Diesen Moment habe ich auch im Video erzählt
Zu diesem Artikel gibt es ein YouTube-Video, in dem ich ausführlicher über diesen Krankenhausflur, unsere ersten Tage als Väter und das Gefühl spreche, mit unserem Sohn plötzlich wirklich auf uns allein gestellt zu sein.
Vorher wollte ich Vater werden. Danach war ich einer.
Während unserer Familiengründung hatte Vatersein lange in der Zukunft gelegen.
Es gab immer noch einen nächsten Schritt. Die medizinische Behandlung. Das Matching mit unserer Tragemutter. Den Embryotransfer. Die Schwangerschaft. Die Reise zur Geburt.
Auch als die Geburt näher rückte, konnte ich mich noch vorbereiten.
Nach dem Krankenhausausgang gab es dieses nächste Etappenziel plötzlich nicht mehr.
Ich war nicht mehr jemand, der darauf hinarbeitete, Vater zu werden. Da war jetzt ein Kind, für das Martin und ich verantwortlich waren.
Das klingt im Rückblick offensichtlich. Für mich fühlte es sich damals trotzdem wie eine ziemlich grundlegende Verschiebung an.
Wenn ich heute unseren Artikel Selbstzweifel als werdender Vater lese, erkenne ich darin genau diesen Unterschied. Vor der Geburt kann man sich sehr lange fragen, was für ein Vater man einmal sein wird. Irgendwann muss man aufhören, diese Rolle vorauszudenken, weil der Alltag angefangen hat.
Und dann fuhren wir nicht einmal nach Hause
Vielleicht wurde der Moment auch deshalb so deutlich, weil wir uns in einer ungewöhnlichen Situation befanden.
Wir fuhren nicht mit unserem Neugeborenen in unsere eigene Wohnung nach Deutschland.
Wir fuhren in ein Airbnb in Kalifornien.
Unsere Koffer standen dort, Dokumente waren noch offen und wir wussten, dass wir noch einige Zeit in den USA bleiben würden. Unser vertrautes Zuhause, unsere normalen Routinen und vieles von dem, was sich sonst nach Alltag anfühlte, waren Tausende Kilometer entfernt.
Trotzdem war das jetzt unser Familienleben.
Wenn du den größeren Zusammenhang der Geburt suchst, haben wir ihn separat in Geburt bei Leihmutterschaft in den USA: Unser Geburtsbericht aus Kalifornien erzählt.
Die Liebe fühlte sich anders an, als ich sie mir vorgestellt hatte
Ich hatte vor der Geburt eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wie sich die erste Liebe zu unserem Sohn anfühlen würde.
Ich erwartete etwas Überwältigendes. Einen Moment, in dem emotional alles gleichzeitig passiert.
Bei mir war es leiser.
Ich schaute ihn an und spürte zunächst sehr stark Verantwortung. Ich wollte wissen, ob es ihm gut geht, ob er genug bekommt, ob wir gerade das Richtige tun.
Die emotionale Nähe wurde für mich mit den Tagen immer selbstverständlicher.
Das war anfangs fast irritierend, weil es nicht der dramatischen Vorstellung entsprach, die ich vorher im Kopf gehabt hatte. Heute finde ich daran überhaupt nichts mehr beunruhigend.
Meine Beziehung zu unserem Sohn entstand nicht in einem einzigen Augenblick.
Sie entstand auch in den Nächten, in denen ich ihn beruhigte. Beim Füttern. Beim Halten. Beim Beobachten, wie er auf Dinge reagiert. Und darin, dass ich mit der Zeit lernte, ihn immer besser zu verstehen.
„Bin ich genug?“ war plötzlich keine theoretische Frage mehr
Mit dieser neuen Verantwortung kam bei mir auch Unsicherheit.
Nicht als Krise und nicht ständig. Aber ich erinnere mich an die Frage: Bin ich genug für ihn?
Vor der Geburt konnte ich noch darüber nachdenken, was einen guten Vater ausmacht. Mit einem tatsächlichen Kind vor mir hatte die Frage plötzlich Konsequenzen.
Ich konnte müde sein. Ich konnte unsicher sein. Ich konnte falsch einschätzen, warum er weinte. Ich konnte etwas ausprobieren und merken, dass es überhaupt nicht half.
Genau dadurch wurde Vatersein realer.
Ich musste nicht erst vollkommen sicher werden, bevor ich für ihn verantwortlich sein durfte. Ich musste lernen, mit Unsicherheit trotzdem da zu sein.
Für mich ist das heute eine wesentlich realistischere Vorstellung von Vatersein als die Idee, irgendwann genau zu wissen, was man tut.
Eine Nacht im Airbnb ist mir besonders geblieben
Eine Nacht, ungefähr um drei Uhr, erinnere ich noch ziemlich genau.
Unser Sohn weinte. Ich war müde und merkte selbst, dass ich angespannt war.
Irgendwann habe ich bewusst versucht, langsamer zu werden. Ruhiger mit ihm zu sprechen, ihn zu halten und nicht gleichzeitig im Kopf fünf mögliche Lösungen durchzugehen.
Ich hatte den Eindruck, dass dadurch auch die Situation ruhiger wurde.
Ob ich damals tatsächlich sofort verstanden habe, was er brauchte, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich war es viel weniger eindeutig, als Erinnerungen es später manchmal wirken lassen.
Was mir geblieben ist, ist etwas anderes: Ich musste nicht jede Situation sofort lösen.
Manchmal bestand Vatersein einfach darin, bei ihm zu bleiben und weiter herauszufinden, was gerade helfen könnte.
Über Bindung habe ich nach der Geburt anders gedacht
Bei unserem Weg über Tragemutterschaft spielte das Thema Bindung schon vorher eine Rolle.
Ich hatte unseren Sohn nicht ausgetragen. Keiner von uns beiden hatte eine Schwangerschaft mit ihm erlebt.
Vorher konnte ich mir deshalb natürlich Gedanken darüber machen, wie sich unsere Beziehung wohl entwickeln würde.
Nach der Geburt wurde diese Frage für mich viel konkreter und gleichzeitig viel weniger abstrakt.
Unsere Beziehung entstand im Zusammensein.
Ich lernte seinen Blick kennen, seine Geräusche, die Art, wie er sich beruhigen ließ und später immer mehr von seiner Persönlichkeit.
Damit wurde die Frage nach Biologie für mein eigenes Gefühl von Vatersein schnell weniger wichtig.
Seine genetische und seine Entstehungsgeschichte gehören selbstverständlich zu ihm. Aber meine Beziehung zu ihm musste nicht erst durch eine bestimmte biologische Erfahrung legitimiert werden.
Sie entstand dadurch, dass ich sein Vater war und jeden Tag mehr lernte, was das tatsächlich bedeutete.
Martin als Vater zu sehen, hat auch unsere Beziehung verändert
Etwas anderes hatte ich vorher kaum erwartet: wie sehr ich Martin plötzlich neu sehen würde.
Wir sind seit vielen Jahren zusammen. Wir haben drei Jahre Fernbeziehung erlebt, einen internationalen Umzug, Hochzeit und schließlich unseren langen Weg zur Familie.
Trotzdem war es neu, ihn als Vater zu beobachten.
Zu sehen, wie er unseren Sohn hält. Wie er nachts übernimmt. Wie er auf Situationen reagiert, die es in unserer Beziehung vorher schlicht nicht gegeben hatte.
Das hat meinen Blick auf ihn verändert.
Nicht in einem einzigen großen Moment. Eher über viele kleine Situationen hinweg.
Wir waren immer noch Martin und Robert. Aber gleichzeitig lernte ich eine Seite von ihm kennen, die erst dadurch existieren konnte, dass wir Eltern geworden waren.
Heute sehe ich den Krankenhausflur etwas anders
Damals fühlte sich dieser kurze Weg zum Ausgang wie eine klare Grenze an.
Heute weiß ich natürlich, dass man nicht in einem Moment fertig zum Vater wird.
Nach diesem Krankenhausflur kamen die ersten Nächte im Airbnb. Die Rückreise nach Deutschland. Elternzeit. Neue Routinen. Schlafphasen, die wieder verschwanden. Entscheidungen, bei denen wir uns sicher waren, und andere, bei denen wir unsere Meinung mehrfach änderten.
Meine Vorstellung davon, was Vatersein bedeutet, hat sich seitdem schon oft verändert.
Trotzdem bleibt dieser Krankenhausflur für mich der Moment, in dem etwas zum ersten Mal wirklich greifbar wurde.
Nicht weil ich dort plötzlich wusste, wie man Vater ist.
Sondern weil es keine nächste Instanz mehr gab, die uns durch den Prozess führen würde.
Wir gingen durch diese Tür und waren die Eltern.
Wenn du von hier weitergehen möchtest
Wenn du gerade vor dem Vaterwerden stehst und dich Fragen wie „Bin ich bereit?“ oder „Werde ich ein guter Vater?“ beschäftigen, findest du mehr in Selbstzweifel als werdender Vater.
Wie sich unsere Rollen seit diesen ersten Tagen weiterentwickelt haben, erzählen wir unter Zwei Papas & Vaterschaft.
Und wenn du die Geschichte rund um Geburt und die ersten Tage in Kalifornien nachvollziehen möchtest, führt unser Geburtsbericht aus Kalifornien weiter.
Wann fühlt man sich wirklich wie ein Vater?
Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass es dafür einen Zeitpunkt geben muss, der bei allen gleich ist.
Bei mir war die Geburt natürlich wichtig. Aber das innere Gefühl von Verantwortung wurde erst beim Verlassen des Krankenhauses plötzlich sehr konkret.
Bei jemand anderem kann das früher oder später passieren.
Und vielleicht gibt es auch Menschen, bei denen es gar keinen einzelnen Moment gibt, sondern das Gefühl langsam entsteht.
Kann Bindung wachsen, auch wenn sie sich nicht sofort überwältigend anfühlt?
Bei mir war genau das der Fall.
Ich liebte unseren Sohn nicht deshalb weniger, weil meine erste Erfahrung stärker von Verantwortung als von einer emotionalen Explosion geprägt war.
Unsere Beziehung wurde im gemeinsamen Alltag immer vertrauter.
Deshalb würde ich meine eigene Erfahrung heute nicht daran messen, ob ich in den ersten Minuten nach der Geburt ein bestimmtes Gefühl hatte.
Fühlt sich Vatersein irgendwann selbstverständlich an?
Teilweise.
Ich denke heute wesentlich seltener bewusst darüber nach, dass ich „jetzt Vater bin“. Es ist einfach Teil meines Lebens geworden.
Gleichzeitig gibt es immer wieder neue Situationen, in denen ich mich genauso unerfahren fühle wie damals auf diesem Krankenhausflur.
Vielleicht gehört genau das inzwischen dazu.
Der Moment bleibt trotzdem
Wenn ich heute an die ersten Tage zurückdenke, erinnere ich mich natürlich an die Geburt.
Aber ich sehe auch diesen Krankenhausflur vor mir.
Den Autositz in meiner Hand. Den Ausgang vor uns. Und dieses kurze Gefühl der Überraschung, dass uns tatsächlich niemand mehr begleiten würde.
Wir gingen hinaus und mussten selbst herausfinden, wie unser Familienleben funktioniert.
Fast alles danach war weniger klar, als ich es vorher geplant hatte.
Und wahrscheinlich war genau das der Anfang.