Regenbogenfamilie: Recht, Sichtbarkeit und unsere Erfahrungen

Wir sind Martin und Robert, zwei Väter aus München. Damit sind wir eine Regenbogenfamilie.

Im Alltag ist das erstaunlich oft keine besonders wichtige Information.

Wir stehen nachts auf, organisieren Arbeit und Familie, überlegen, wer gerade welche Verantwortung übernimmt, fahren in den Urlaub und ändern Routinen, die vor einer Woche noch wunderbar funktioniert haben. Dass wir zwei Männer sind, erklärt viele dieser Situationen nicht besonders gut.

An anderen Stellen macht unsere Familienform einen deutlichen Unterschied. Schon unser Weg zur Elternschaft wäre für ein heterosexuelles Paar anders verlaufen. Rechtliche Fragen können uns anders betreffen, und gelegentlich begegnen uns Vorstellungen darüber, welche Rollen zwei Männer als Eltern überhaupt übernehmen können oder wie ein Kind mit zwei Vätern aufwächst.

Genau über diese Schnittstelle sprechen wir hier: über das, was sich rechtlich und gesellschaftlich tatsächlich von anderen Familien unterscheiden kann, und darüber, wie wir es selbst erleben.

Was ist eine Regenbogenfamilie?

Der Begriff wird für Familien verwendet, in denen mindestens ein Elternteil lesbisch, schwul, bisexuell, trans, intergeschlechtlich oder queer ist. Dahinter können sehr unterschiedliche Familiengeschichten stehen.

Kinder können aus früheren Beziehungen stammen, durch Adoption oder Pflege Teil einer Familie werden, durch Samenspende entstehen oder in Co-Parenting-Konstellationen aufwachsen. Es gibt Familien mit zwei Müttern oder zwei Vätern, alleinerziehende queere Eltern und viele weitere Konstellationen.

Auch die amtliche Statistik bildet einen Teil davon ab. Für 2024 erfasste Destatis rund 31.000 gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern. Diese Zahl beschreibt allerdings bestimmte Paar- und Haushaltskonstellationen und ist nicht mit der Gesamtzahl aller queeren Familien in Deutschland gleichzusetzen.

Unsere Familie ist eine dieser vielen möglichen Geschichten. Wir sind ein schwules Ehepaar und wurden mithilfe einer gestationellen Tragemutterschaft in Kalifornien Eltern.

Seit wir Väter sind, spielt unsere Familienform anders eine Rolle

Während unseres Kinderwunsches war die Tatsache, dass wir zwei Männer sind, fast ständig relevant.

Wir mussten zunächst herausfinden, welche Wege zur Elternschaft für uns überhaupt möglich waren. Später kamen medizinische, rechtliche und organisatorische Fragen hinzu, die unmittelbar mit unserer Familienkonstellation zusammenhingen.

Seit unser Sohn da ist, hat sich der Schwerpunkt verändert.

Wenn einer nachts müde in der Küche steht oder wir darüber sprechen, ob eine Aufgabenverteilung noch funktioniert, denken wir nicht zuerst darüber nach, dass wir eine Regenbogenfamilie sind. Dann sind eher Schlafmangel, unterschiedliche Persönlichkeiten, Arbeit oder schlicht der Alltag mit einem Kind entscheidend.

Deshalb erzählen wir über solche Erfahrungen ausführlich unter Zwei Papas & Vaterschaft.

Wie unsere Familie entstanden ist, findest du unter Leihmutterschaft & Familiengründung.

Hier wird unsere Familienform vor allem dort interessant, wo sie tatsächlich etwas verändert.

Rechtlich macht die Familienkonstellation weiterhin einen Unterschied

Gleichgeschlechtliche Paare können in Deutschland seit 2017 heiraten. Das Abstammungsrecht wurde mit der Öffnung der Ehe allerdings nicht entsprechend angepasst. Nach aktueller Rechtslage entsteht deshalb nicht in jeder gleichgeschlechtlichen Familienkonstellation automatisch eine gemeinsame rechtliche Elternschaft.

Bei einem Frauenpaar ist beispielsweise die Frau, die das Kind geboren hat, rechtliche Mutter. Ihre Partnerin wird derzeit nicht allein durch die Ehe automatisch weiterer rechtlicher Elternteil und kann dafür weiterhin auf eine Stiefkindadoption angewiesen sein. Bei schwulen Paaren stellt sich die rechtliche Situation wiederum anders dar. Das Familienportal des Bundes erläutert diese unterschiedlichen Konstellationen ausführlicher.

Unser eigener Fall ist noch einmal spezieller, weil unser Sohn durch Tragemutterschaft in Kalifornien geboren wurde und unsere rechtliche Elternschaft dort bereits vor der Geburt gerichtlich festgestellt worden war.

Wie dieser Weg bei uns aussah und welche Schritte anschließend in Deutschland relevant waren, behandeln wir deshalb separat in Leihmutterschaft in den USA: Ablauf & Anerkennung in Deutschland.

Rechtliche Informationen auf Papaarade dienen der Orientierung. Gerade bei Familiengründung, Abstammung oder internationaler Elternschaft würden wir die eigene Konstellation immer individuell fachlich prüfen lassen.

Sichtbarkeit fühlt sich für uns heute selbstverständlicher an

Früher haben wir häufiger darüber gesprochen, warum Regenbogenfamilien sichtbar sein sollten.

Heute beschäftigt uns eher, wie diese Sichtbarkeit aussehen soll.

Wir möchten nicht jedes Mal beweisen müssen, dass zwei Männer genauso Eltern sein können wie andere Menschen. Wenn jedes Video über unsere Familie am Ende erklären müsste, dass wir eigentlich „ganz normal“ sind, würde unsere sexuelle Orientierung paradoxerweise ständig zum eigentlichen Thema werden.

Uns gefällt es besser, wenn unsere Familie einfach vorkommen kann.

Wir können über eine schlaflose Nacht sprechen, ohne erklären zu müssen, warum zwei Männer ein Kind haben. Ein Beitrag kann sich um Elternzeit, Urlaub, Mental Load oder unsere Beziehung drehen und trotzdem zeigen, dass hier zwei Männer gemeinsam Vater sind.

Wenn es tatsächlich um Diskriminierung, Familienrecht oder gesellschaftliche Vorstellungen geht, benennen wir das genauso deutlich.

Diese Mischung fühlt sich für uns inzwischen näher an unserem wirklichen Leben an.

Wenn Sichtbarkeit plötzlich zur Debatte wird

Dass unsere Familienform nicht immer einfach im Hintergrund bleibt, haben wir besonders deutlich während einer Hasswelle auf Social Media erlebt.

Unter anderem wurde immer wieder behauptet, ein Kind brauche zwingend eine Mutter und könne mit zwei Vätern nicht dasselbe bekommen.

Robert hat damals in einem YouTube-Video persönlich darauf reagiert.

Später haben wir die dahinterliegende Frage anhand aktueller Forschung ausführlicher untersucht: Braucht ein Kind eine Mutter? Was die Wissenschaft wirklich sagt.

Das Video und der Artikel erzählen für uns zwei unterschiedliche Teile derselben Erfahrung. Im Video steht stärker im Vordergrund, was solche Kommentare mit uns gemacht haben. Im Artikel geht es darum, was sich über die konkrete Behauptung wissenschaftlich sagen lässt.

Von innen ist unsere Familie einfach unser Zuhause

Das klingt banal, beschreibt aber einen Unterschied, den wir immer wieder erleben.

Für uns selbst ist eine Familie mit zwei Vätern inzwischen Alltag.

Von außen fällt sie manchmal stärker auf. Menschen stellen Fragen, die sie einem Mutter-Vater-Paar vermutlich nicht stellen würden. Viele davon sind interessiert und respektvoll. Manche überschreiten Grenzen.

Aus unseren eigenen Erlebnissen möchten wir trotzdem keine allgemeine Aussage darüber ableiten, wie Regenbogenfamilien in Deutschland leben.

Wir sind zwei verheiratete Männer in München. Eine lesbische Mutter auf dem Land kann andere Erfahrungen machen. Dasselbe gilt für ein trans Elternteil, eine queere Patchworkfamilie oder Eltern, die auf einem völlig anderen Weg Familie geworden sind.

Unsere Erfahrung ist deshalb ein Teil des Bildes, nicht das ganze.

Was Zahlen und Forschung zeigen können

Wenn über Regenbogenfamilien diskutiert wird, landen sehr unterschiedliche Themen schnell nebeneinander.

Wie viele Familien mit zwei Müttern oder Vätern gibt es in Deutschland? Wie entstehen diese Familien? Wie entwickeln sich Kinder darin? Welche Erfahrungen machen queere Eltern mit Diskriminierung?

Eine einzige Zahl oder Studie kann darauf keine gemeinsame Antwort geben.

In Regenbogenfamilien in Deutschland: Zahlen, Statistik und Forschung schauen wir deshalb genauer auf den Mikrozensus: was Destatis zählt, wie viele gleichgeschlechtliche Paarfamilien erfasst werden und wo diese Statistik an ihre Grenzen kommt.

Die Forschung zur Entwicklung von Kindern behandeln wir ausführlicher in Wie Kinder in Regenbogenfamilien aufwachsen: Was die Wissenschaft dazu sagt.

Für uns hilft diese Trennung auch dabei, mit unserer eigenen Geschichte vorsichtig umzugehen. Aus unserem Familienalltag können wir erzählen. Eine allgemeine Aussage über andere Familien wird daraus nicht automatisch.

Zwei Väter sind nur eine Perspektive innerhalb von Regenbogenfamilien

Unsere eigene Perspektive ist zwangsläufig die von zwei schwulen Männern.

Wir wissen, wie es für uns war, einen Weg zur Elternschaft zu suchen, eine Familie durch Tragemutterschaft zu gründen und heute gemeinsam Vater zu sein.

Andere queere Eltern bringen andere Geschichten mit.

Wenn du besonders nach Erfahrungen schwuler Männer suchst, findest du dafür unseren Einstieg Erfahrungen schwuler Väter: Unser Weg von Kinderwunsch zum Familienalltag.

Dort geht es um unterschiedliche Wege schwuler Männer zum Vatersein, unsere eigene Familiengründung und um Fragen, die uns als zwei Väter begegnen.

Unser Sohn muss unsere Sichtbarkeit nicht tragen

Wir haben uns entschieden, öffentlich über unsere Familie zu sprechen.

Unser Sohn hat diese Entscheidung nicht getroffen.

Deshalb müssen wir nicht sein Gesicht, seine Stimme oder private Situationen zeigen, damit Regenbogenfamilien sichtbar werden. Wenn wir über Erfahrungen als zwei Väter sprechen, können wir bei unserer eigenen Perspektive bleiben.

Was wurde uns gefragt? Wie haben wir etwas erlebt? Welche Entscheidung mussten wir treffen? Wie hat sich unsere Sicht auf ein Thema verändert?

Damit können wir viel über Elternschaft erzählen, ohne seine Kindheit zur öffentlichen Geschichte zu machen.

Wir zeigen unsere Elternschaft, nicht seine Kindheit.

Wenn du von hier weitergehen möchtest

Wenn du gerade selbst über Familiengründung nachdenkst oder unseren Weg über die USA nachvollziehen möchtest, ist Leihmutterschaft & Familiengründung der passende Einstieg.

Für unseren heutigen Alltag, unterschiedliche Vaterrollen, Elternzeit, Mental Load und Verantwortung findest du mehr unter Zwei Papas & Vaterschaft.

Wenn dich speziell Erfahrungen schwuler Männer mit Kinderwunsch und Vatersein interessieren, führt Erfahrungen schwuler Väter weiter.

Für Daten und Forschung kannst du direkt zu Regenbogenfamilien in Deutschland: Zahlen, Statistik und Forschung oder Wie Kinder in Regenbogenfamilien aufwachsen gehen.

Sichtbar sein, ohne ständig erklären zu müssen

Papaarade begann mit einer Familiengeschichte, bei der wir sehr viele Fragen beantworten mussten.

Diese Geschichte gehört weiterhin zu uns.

Aber unser Leben ist inzwischen weitergegangen. Wir sind nicht mehr hauptsächlich zwei Männer, die versuchen, Eltern zu werden. Wir sind Eltern und erleben den Alltag, der danach gekommen ist.

Manchmal ist dabei entscheidend, dass wir eine Regenbogenfamilie sind.

An vielen Tagen ist es nur eine von vielen Informationen darüber, wer wir sind.

Genau so möchten wir unsere Familie auch sichtbar machen.